A bissel was geht immer


Filmbuch des Monats Oktober 2016Helmut Dietl: A bissl was geht immer. Unvollendete Erinnerungen
Er hat seine Erinnerungen nicht vollenden können; am 30. März 2015 ist der Autor und Regisseur Helmut Dietl in München an Krebs gestorben. Aber die 300 Seiten, die er über seine Kindheit und Jugend, über seine Familie, seine Freun­dinnen und Freunde, über das Leben in München in den 1950er und 60er Jahren geschrieben hat, sind lesenswert, weil sie in den Details oft bizarr und in vielen Augenblicken originell sind. Auch wenn er sich über seine Filme gar nicht äußert, sind sie im Hintergrund präsent. Ein Vorwort stammt von seiner Witwe Tamara Dietl, ein Nachwort von seinem Freund Patrick Süskind.

In der Struktur ist dies eine klassische Autobiografie, beginnend mit der Kindheit, die bei Helmut Dietl (* am 22. Juni 1944 in Bad Wiessee) geprägt war von der Distanz zu seinem alkoholkranken Vater Heinz Dietl und der intensiven Liebe zu seiner Mutter Else. Eine große Bedeutung hatten für ihn die beiden Großmütter: „Betty-Oma“, eine gläubige Katholikin und strenge Moralistin, und „Greiner-Oma“, die wunderbar kochen konnte und sich als Filmkomparsin verdingte. Fritz Greiner, der Großvater, war Filmschauspieler bis 1933 und brachte sich dann um.

In den ersten Jahren nach 1945 wohnte die Familie Dietl in einer Villa in München-Neufriedenheim, dann zog sie um nach Gräfelfing, und nach der Scheidung der Eltern fanden Mutter und Sohn eine Bleibe im Lagerhaus einer Speditionsfirma in Schwabing, in der Else als Kontoristin arbeiten konnte. Geld war immer knapp. Mit den Wohnungswechseln erfolgten auch abrupte Schulwechsel: von der Volksschule in Laim ging es an die Oberrealschule in Pasing, zwischendurch in ein Schülerheim in Bad Tölz und schließlich auf das Alte Realgymnasium in Schwabing. Die Schulwege waren oft lang.

2016-dietl_-mittelgrossImmer wieder erzählt der Autor sehr detailliert Episoden, die ihn geprägt haben. So verschaffte ihm 1950 die Greiner-Oma eine Rolle in dem Film VERTRÄUMTE TAGE mit O. W. Fischer, auch wenn er fürs Casting eigentlich gar nicht die richtigen Voraussetzungen mitbrachte. Aber er machte sich dann vor allem als Hüter der vier Katzen von O. W. Fischer verdient, die an langen Leinen spazieren zu führen waren.

Eine erste Reise führte den 16jährigen Helmut mit seinem Schulfreund Herbert per Anhalter nach Paris. Wichtig für ihn war vor allem ein Besuch des Grabes von Heinrich Heine. Nach drei Tagen fuhren sie wieder zurück. Zur Stammkneipe in München wurde „Lilos Leierkasten“ in der Occam-/Ecke Haimhauser Straße mit der Wirtin Lilo und dem schwulen Paar Rolf und Bernd hinter der Bar.

Lyrik spielte im Leben von Helmut Dietl offenbar eine große Rolle. Er schrieb schon in der Schulzeit Gedichte, lernte den damaligen Leiter des Insel Verlages, Fritz Arnold, kennen, dem er hoffnungsvoll eine Auswahl seiner Gedichte zukommen ließ – damit aber keinen Erfolg hatte. Von seinem Freund, dem Zeichner Ugo Dossi, ließ er sich jahrelang seine Gedichte illustrieren.

Und dann kommen immer wieder Freundinnen ins Spiel. Sie hießen in der pubertären Phase Bärbel Blatt, Ruth Abendschön oder einfach Biggi, Ilse oder Elke. Mit Louise, bei einem Aufenthalt in Wien, wurde es erstmals ernst, sie machte ihn erwachsen und fuhr anschließend nach Paris. Es folgten zum Teil längere Partnerschaften mit Maier-Lili aus Moosinning, mit der er nach Cannes fährt und Dorothea Pertramer (Dorle), mit der er nach dem Abitur eine Reise nach Spanien unternimmt. Dann ruft ihn die Bundeswehr in die Fallschirm­panzerjägerkompanie 260 nach Külsheim in Baden. Mit einem Trick wird er nach der Grundausbildung zum Fernmeldelehrbataillon in München versetzt. Die Impressionen aus der militärischen Umgebung sind eindrucksvoll geschildert.

Dietls Beziehungsgeschichten führen schließlich zu Dorles Mutter Elfie, die ihm erste Arbeitsmöglichkeiten im Fernsehen eröffnet. Er arbeitet eng mit Walter Sedlmayer zusammen, verbringt viele Abende im „Café Europa“ in Schwabing, auch während des Sechs-Tage-Kriegs in Israel. Damit enden die vollendeten Aufzeichnungen.

Angefügt ist das Kapitel „Fragmente“. Es ruft das Jahr 1983 in Erinnerung. Helmut Dietl fliegt nach L.A., um an dem Projekt KIR ROYAL zu arbeiten. Er trifft sich mit seinem Agenten Ray Sarlot und mit der Schauspielerin Cleo Kretschmer, verliebt sich in ihre Freundin Denise Cheyresy (sie wird seine dritte Ehefrau) und lässt Patrick Süskind nach Amerika kommen, um die Zusammenarbeit an seinem neuen Projekt zu intensivieren. Süskind freut sich gerade über den Erfolg seines Romans „Das Parfüm“. Schwierig wird die Suche nach der Besetzung der Rolle des Baby Schimmerlos; in letzter Minute wird Franz Xaver Kroetz dafür gewonnen. Die Dreharbeiten beginnen, obwohl der WDR der Besetzung noch nicht zugestimmt hat. Damit enden die „Fragmente“.

Tobias Kniebe stellt in seiner sehr zugeneigten Rezension fest: „So gern man auch durch den Rest der Geschichte geführt worden wäre, mit der typischen Dietlschen Illusionslosigkeit, so wenig kann man sich vorstellen, dass er das wirklich durchgezogen hätte. Die frühen Jahre bieten den Vorteil, dass sehr viele Protagonisten nicht mehr am Leben sind, dass die Egos noch nicht so fragil waren, die Zerwürfnisse noch nicht so brutal, die Figuren noch nicht so in der Öffentlichkeit standen. Da ist anderer Zugriff auf die Wahrheit möglich, so subjektiv sie gefärbt sein mag. Und um Wahrheit, auch gegenüber sich selbst, geht es diesem Autor wirklich.“ (SZ, 9. 9. 2016)

Auch Dietl-Fans erfahren viel Neues aus diesem Buch. Und bei der Lektüre – das lässt sich gar nicht verhindern – sieht man im Hintergrund immer wieder Bilder aus seinen Filmen oder hört Dialoge, die von ihm stammen.

Zwischen den Kapiteln gibt es Bildstrecken mit Familienfotos und Abbildungen aus München.

Kiepenheuer & Witsch: Helmut Dietls letzter Film ist dieses Buch
Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr hat der große Filmregisseur Helmut Dietl an seiner Autobiografie gearbeitet. Das Ergebnis ist ein Buch, mit dem Helmut Dietl uns noch einmal überrascht – als exzellenter Schriftsteller.

Brillant und auf genau die hintergründig-komische Art, die wir von ihm als Regisseur von »Kir Royal« oder »Rossini« kennen, erzählt Helmut Dietl hier über seine bayerisch-münchnerische Kindheit und seine Aufbrüche ins Leben. Da sind die Großväter, der eine Kommunist und KZ-Häftling, der andere Stummfilmstar. Da sind die sich ewig bekämpfenden Großmütter. Ein undurchsichtiger Vater und eine tapfere Mutter, die sich für ihren Sohn aufopfert. Wir erleben ein Feuerwerk von Liebes-, Trennungs- und Reisegeschichten, seine turbulente Zeit bei den Feldjägern und die ersten Schritte in die Welt des Films an der Seite schillernder Figuren wie Elfie Pertramer oder Walter Sedlmayr. Vor allem aber ist dies eine Hommage an all die Frauen, die Helmut Dietl bereits als junger Mann verzaubert haben. Schon früh wird hier sichtbar, was Helmut Dietl sein ganzes Leben war: ein Mann, der die Frauen liebte. Selten sind die spießigen Fünfziger- und Sechzigerjahre und die frühen Gegenwelten der Schwabinger Boheme so
komisch und unterhaltsam geschildert worden wie in diesem Buch, das von seiner Frau Tamara Dietl herausgegeben wird.

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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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