Alles dreht sich…und bewegt sich. Der Tanz und das Kino

Der Tanz und das Kino


Filmbuch des Monats August 2017: Ursula von Keitz/Philipp Stiasny (Hg.): Alles dreht sich…und bewegt sich. Der Tanz und das Kino
Der Tanz und das Kino haben seit über hundert Jahren eine enge Beziehung, die in den vergangenen Jahren auch in verschiedenen Büchern aufgearbeitet wurde. Das Filmmuseum Potsdam widmet dem Thema zurzeit eine Sonderausstellung, zu der Ursula von Keitz und Philipp Stiasny eine hervorragende Begleitpubli­kation herausgegeben haben. In 15 Beiträgen werden aus unterschiedlichen Perspektiven die Verbindungen zwischen Tanz und Film mit vielen konkreten Beispielen dargestellt.

Als Ursula von Keitz noch Professorin an der Universität Konstanz war, hat sie im Sommer 2014 eine Tagung organisiert, deren Beiträge jetzt zur Basis für das Potsdamer Ausstellungsprojekt wurden. Es ging um die einfache Frage „Was macht der Film mit dem Tanz und was macht der Tanz mit dem Film?“ Dass es darauf viele Antworten gibt, wird vor allem in der Publikation deutlich. Das Vorwort ist eine „Aufforderung zum Tanz“.

Vier Texte finden wir im Kapitel „Die tanzende Gesellschaft“. Wolfgang Thiel, Komponist und Musikwissenschaftler, richtet den Blick auf die dramaturgische Funktion des Walzers im Spielfilm. Sein Ausgangs-punkt ist der frühe Tonfilm, speziell: Ludwig Bergers Musikkomödie WALZERKRIEG (1933) mit Renate Müller und Willy Fritsch; eine Schlüsselszene des Films wird vom Autor präzise beschrieben. Dann führt er uns durch die internationale Filmgeschichte, von Luchino Viscontis IL GATTOPARDO über Michael Ciminos HEAVEN’S GATE und Sergej Bondartschuks VOINA I MIR bis zu Ari Folmans WALTZ WITH BASHIR. Rund 70 Filme werden aus der Musikperspektive mit dem Blick auf die filmische Form zum Teil ausführlich, zum Teil kurz und pointiert analysiert. Das gibt für die Erwartungen ein hohes Niveau vor. Dies wird auch von allen folgenden Beiträgen weitgehend erreicht. Der Lateinamerikaforscher Peter W. Schulze (Bremen) beschäftigt sich mit Choreographien und Geschlechterord­nungen im Tango-Tanzfilm. Die Filmwissenschaftlerin Senta Siewert (Frankfurt am Main) unter-sucht Tanz und Affekt im Entgrenzungsfilm um die Jahrtausend­wende („Am Puls der Zeit“), zum Beispiel in TRAINSPOTTING, CLUBBED TO DEATH (LOLA) und VICTORIA. Bei Stella Donata Haag (Filmuni-versität Babelsberg) geht es um Kleidung und Tanz im Film („Verhüllte Ekstase“).

Das zweite Kapitel erinnert mit zwei Beiträgen an den Tanz und das frühe Kino. Die Tanzexpertin Claudia Rosiny (Bern) schlägt einen Bogen vom Kino der Attraktionen 1900 ins Jahr 2000, von der Serpentin-Tänzerin Loïe Fuller zu ihren „Erben“ auf YouTube. Die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Amrei Fischer-Behrend (Konstanz) befasst sich mit den tänzerischen Perspektiven im Film der 1920er Jahre, mit den Ausdruckstänzerinnen und -tänzern Mary Wigman, Rudolf von Laban und Valeska Gert, aber auch mit der filmischen Avantgarde von Hans Richter, Walter Ruttmann, Oskar Fischinger und Fernand Léger.

Im dritten Kapitel geht es um „Tanz, Macht und Gewalt“: Evelyn Hampicke (Berlin) entdeckt gemeinsame ideologische Subtexte in WENN DIE ABEND­GLOCKEN LÄUTEN (1930) von Hanns Beck-Gaden und DER KAISER VON KALIFORNIEN (1936) von Luis Trenker: die Tänzerinnen werden in beiden Filmen als Außenseiterinnen diskriminiert. Katja Schneider (München) analysiert die Kollisionen von Blick und Körper in der Performace „Monkey Sandwich“ des belgischen Choreographen und Filmemachers Wim Vandekeybus, der mit Film- und Videoeinspielungen arbeitet. Die Autorin beschreibt zwei Aufführungen in München, die vom Publikum sehr unterschiedlich rezipiert wurden.

Dre Tanz und das Kino-coverAuch dem Tanz im klassischen Hollywood-Musical (viertes Kapitel) sind zwei Texte gewidmet: Ines Steiner stellt Busby Berkeleys Choreographien der 1930er Jahre in den Mittelpunkt ihres Beitrags, der sich kenntnisreich u.a. mit GOLD DIGGERS OF 1933 von Mervyn LeRoy, FLYING DOWN TO RIO von Thornton Freeland und THE GAY DIVORCEE von Mark Sandrich beschäftigt und natürlich die Professionalität von Fred Astaire und Ginger Rogers würdigt. Nitya Koch, die an der Freien Universität Berlin über die Konstruktion von Weiblichkeit im Hollywood Musical promoviert, erinnert an Domestizierung und Empowerment im Musical der 1950er Jahre, ihre wichtigsten Filmbeispiele sind AN AMERICAN IN PARIS von Vincente Minnelli, SINGIN’ IN THE RAIN von Stanley Donen und Gene Kelly, SILK STOCKINGS von Rouben Mamoulian und FUNNY FACE von Stanley Donen. Die Szenenbeschreibungen der Autorin und ihre Interpretationen sind beeindruckend.

Backstage findet die Arbeit statt. Davon handeln die zwei Texte des fünften Kapitels. Ines Steiner untersucht das Berufsbild der Tänzer/in im 20. Jahrhundert, von Lionel Barrymores TEN CENTS A DAY (1930) bis Stephen Daldrys BILLY ELLIOT (2000), mit genauerem Blick auf DAMES von Busbey Berkeley und Ray Enright, THEY SHOOT HORSES, DON’T THEY? von Sydney Pollack, SATURDAY NIGHT FEVER von John Badham, FAME von Alan Parker, STRICTLY BALLROOM von Baz Luhrman und einem Sidekick auf RHYTHM IS IT! von Thomas Grube und Enrique Sanchez Lansch. Annemone Ligensa beschäftigt sich mit der Rolle des Gigolo im Film, erinnert an die Erfahrungen von Billie Wilder als Eintänzer in den späten 1920er Jahren und schlägt einen historischen Bogen bis zu dem Film THE TANGO LESSON (1997) von Sally Potter.

Das Schlusskapitel ist dem Dokumentarfilm vorbehalten. Cornelia Lund (Hamburg/Berlin) macht deutlich, wie das Direct Cinema den Tanzdokumentar­film veränderte. Sie beschreibt ausgewählte dokumen-tarische Filme aus der Bundesrepublik und der DDR der 1950er Jahre und sieht Klaus Wildenhahns Film 498, THIRD AVENUE (1967/68) über die Merce Cunningham Dance Company als Öffnung neuer Möglichkeiten, die Tanzarbeit mit der Kamera zu beobachten. Katharina Kelter (Hamburg) stellt zwei Filme über Pina Bauch in den Mittelpunkt ihres Beitrags: TANZTRÄUME – JUGENDLICHE TANZEN „KON­TAKTHOF“ VON PINA BAUSCH (2009) von Anne Linsel und Rainer Hoffmann und PINA (2011) von Wim Wenders. Mit Christoph Büttners Analyse des Dokumentarfilms LA DANSE (2009) von Frederick Wiseman steht ein Schlüsseltext am Ende des Bandes, der noch einmal das breite Spektrum der Beiträge vor Augen führt.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich mehre Bücher zum Thema Tanz und Film vorgestellt, zum Beispiel 2017/06/tanz-im-film/ , 2017/04/der-taenzerische-film/ , 2016/12/zwischen-flamenco-und-charleston/ , 2015/04/totentanz-im-film/ , 2014/12/musicals-im-arsenal-und-bei-reclam/ , 2012/09/pina-der-film-und-die-tanzer/ . Das Buch „Der Tanz und das Kino“ übertrifft sie alle im Spektrum der Beiträge und in der Vielfalt der Themen. Es findet keine „Verwissen-schaftlichung“ statt, die Texte sind gut lesbar und gewinnen durch zahlreiche Abbildungen in guter Qualität noch an Anschaulichkeit. Also ein Filmbuch, das ich besonders empfehlen kann.

Coverabbildung: Foto von Charlotte Rudolph.

 

Mehr zum Buch: alles-dreht-sich-und-bewegt-sich.html

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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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