Drehstart „Brechts Dreigroschenfilm“

Dreigroschenfilm


Am 3. März beginnen in Baden-Württemberg in hochkarätiger Besetzung die Dreharbeiten zu Joachim A. Langs neuem Filmprojekt „Brechts Dreigroschenfilm“, eine Produktion von Südwestrundfunk (SWR) und Zeitsprung Pictures. „Brechts Dreigroschenfilm“ basiert auf einem Stück Weltliteratur, das völlig neu interpretiert und in den aktuellen Zusammenhang gestellt wird. Erstmalig werden die legendäre Dreigroschenoper mit all ihren zu Schlagern gewordenen Songs, das noch nie verfilmte Treatment Bertolt Brechts und der Dreigroschenroman zu einer packenden Story zusammengeführt.

Regisseur und Autor Joachim A. Lang verbindet seine Interpretation des Dreigroschenstoffes mit der turbulenten Entstehungsgeschichte von Brechts Filmtreatment und führt den Zuschauer ins Berlin der wilden 20er Jahre. Der Tanz auf dem Vulkan, Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und aufkommender Faschismus bieten den Rahmen für den Dreigroschenfilm. Diese Rahmenhandlung ist eine Art Making of eines Films, der bis heute nie gedreht wurde. Sie zeigt den Versuch, einen Film in Konfrontation mit der Filmindustrie zu machen. Die Dreigroschenhandlung dagegen zeigt den nicht gemachten Film. Sie entführt in ein Kunst-London um 1900 zum legendären Gangsterboss Mackie Messer und zu seinem Kampf mit dem Bettlerkönig Peachum. Vieles ist anders als in der Oper, moderner, gesellschaftskritischer. Denn – so Brecht – es wäre Unfug, ein Theaterstück unverändert zu verfilmen. Der überraschende Schluss endet in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts und lässt die Räuber zu modernen Bankiers, zu Beherrschern des modernen Geldmarkts werden. Polly, die Macheath in seiner Abwesenheit vertritt, übernimmt mit den Räubern auf friedliche Weise die National Deposit Bank und kauft ihren Mann, den neuen Direktor frei, den inzwischen auch Peachum wegen der Furcht vor den echten Elenden unterstützt. Mackie Messer und besonders auch Polly haben die Zeichen der Zeit erkannt: Sie geben Straßenraub und Zuhälterei auf und verziehen sich hinter die gläserne Fassade eines Finanzpalastes, die den brutalen und mörderischen Kampf um Gewinn und Verlust nach außen hin als gesellschaftlichen Glanz abstrahlt.

Die Rahmenhandlung konzentriert sich auf die Jahre 1928 bis 1933. Brecht ist der junge erfolgreiche Skandalautor, Mittelpunkt eines Künstlerkreises, der mit seinem antibürgerlichen Auftreten provoziert und mit Kurt Weill den Sound der Zeit liefert. Die Rahmenhandlung beginnt in den frühen Morgenstunden des 31. August 1928. Bei den Endproben zur „Dreigroschenoper“ herrschen Chaos und Krach, die Uraufführung scheint zum Skandal zu werden. Doch es kommt am Abend ganz anders, das Stück wird zum Sensationserfolg. Der Erfolg bringt die Filmindustrie auf den Plan. Die Nero-Film gewinnt Brecht als Autor und Weill als Komponist. An dieser Stelle beginnt die Dreigroschenhandlung, die parallel zur Entstehung des Filmtreatments gezeigt und zur Haupthandlung wird. Der Gegensatz zur Nero-Film ist von Anfang an eklatant: Auf der einen Seite der junge Autor, der gerade seinen ersten Welterfolg feierte, den er nun in neuer Form mit scharfen sozialkritischen Pointierungen auf den Film übertragen will. Auf der anderen Seite die Filmindustrie, der es ausschließlich um den Erfolg an der Kinokasse geht. Es entsteht ein Diskurs über die Verfilmung des Stücks, über das Medium Film an sich, über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Es kommt schließlich zum Streit und Bruch. Brecht plant sein „soziologisches Experiment“: Er klagt gegen die Nero-Film, um zu beweisen, dass die Geldinteressen sich gegen sein Recht als Autor durchsetzen. Das hat es noch nie gegeben. Ein Dichter bedient sich der modernen Massenmedien und inszeniert in der Öffentlichkeit ein Gerichtsverfahren. Er beschränkt sich nicht auf das Theater oder den Film, er inszeniert die Wirklichkeit, ein öffentlich diskutiertes und vorgeführtes Schauspiel, das die Widersprüche der Gesellschaft sichtbar machen soll. Brechts Klage gegen die Nero-Film wird – wie von Brecht erwartet – abgewiesen, sein soziologisches Experiment hat funktioniert. Ein Vergleich sichert ihm nicht nur eine finanzielle Entschädigung zu, sondern auch die Möglichkeit seinen Dreigroschenfilm später selbst machen zu können. Doch diesen Plan muss er den Nachgeborenen überlassen, in der Nacht des Reichstagsbrands flieht Brecht vor den Nazis aus Deutschland.

Der Plan scheitert damals, aber „Brechts Dreigroschenfilm“ wird nun doch gedreht. Das ist der Stoff für großes Kino. Produziert in Deutschland. Drehbeginn ist der 3. März 2017. Eine freche, musikalische Satire, die in der Gegenwart ankommt. Der Staub, der sich seit Jahrzehnten über den Klassiker gelegt hat, wird entfernt, der Haifisch bekommt wieder Zähne. Ein Film über eine Zeit großer Veränderung, über eine Welt in Aufruhr, über die großen gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart. Aber auch ein Film über die Liebe, animalische sexuelle Attraktion, die Lüge zwischen Menschen, über das Menschsein. Joachim A. Lang hat noch eine verblüffende Inszenierungsidee: Brecht pur. Er will damit eine ungewöhnliche Annäherung an einen herausragenden Künstler schaffen. Es gibt keine erfundenen Dialoge, die dem weltbekannten Dramatiker Brecht in den Mund gelegt werden. Er spricht nur in Originalzitaten und wird dadurch selbst zur Kunstfigur. Alles, was Brecht ist, wird verwendet, Texte aus Stücken, Gedichten, Briefen. Auch was Weill, Hauptmann und der gesamte Künstlerkreis sagen, sind Zitate. Lang verzichtet ganz bewusst auf eine geschlossene und konventionelle Einfühlungsdramaturgie und setzt lieber auf die Intelligenz des Publikums, auf assoziative Übergänge und will seinen Dreigroschenfilm mit einer offenen Form des Erzählens in die Gegenwart bringen.

Das Star-Ensemble
Regisseur und Autor Joachim A. Lang („George“, „Brecht – Die Kunst zu leben“) ist es gelungen, ein Starensemble vor der Kamera zu versammeln. In den Hauptrollen spielen Lars Eidinger (Bertolt Brecht), Tobias Moretti (Macheath), Hannah Herzsprung (Polly), Joachim Król (Peachum), Claudia Michelsen (Frau Peachum), Christian Redl (Tiger Brown), Robert Stadlober (Kurt Weill), Britta Hammelstein (Lotte Lenya), Meike Droste (Helene Weigel), Peri Baumeister (Elisabeth Hauptmann), Max Raabe (Moritätensänger) und viele andere mehr.

Der Stab
Für die Kamera zeichnet David Slama („Unsere Mütter, unsere Väter“) verantwortlich. Benedikt Herforth („Elser – Er hätte die Welt verändert“) hat das Szenenbild übernommen. Die Musik wird eingespielt von Musikern des SWR Symphonieorchesters, der SWR Big Band und dem SWR Vokalensemble unter der Leitung des renommierten Dirigenten und Komponisten HK Gruber. Es tanzt die Gauthier Dance Company. Die Choreographien stammen von Eric Gauthier.

Die Produktion
„Brechts Dreigroschenfilm“ ist eine Kinokoproduktion des SWR (federführende Redaktion: Sandra Maria Dujmovic), Zeitsprung Pictures und der belgischen Produktionsfirma Velvet Films in Zusammenarbeit mit ARTE, RBB und NDR. Mit der freundlichen Unterstützung der MFG Baden-Württemberg und des DFFF.

Die Dreharbeiten finden bis Ende April in Baden-Württemberg, Berlin und Belgien statt.
Wild Bunch (Germany) bringt „Brechts Dreigroschenfilm“ 2018 – 90 Jahre nach der Uraufführung des Bühnenstücks – in die deutschen Kinos.

Bildunterschrift: v. li.: Robert Stadlober, Britta Hammelstein, Peri Baumeister, Joachim A. Lang, Lars Eidinger, Peter Boudgoust, Joachim Król, Hannah Herzsprung und Claudia Michelsen. ©SWR/Thomas Ernst

Ihre Meinung