Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Der Gegensatz von Innen- und Außenwelt eines Menschen ist eine ergiebige dramaturgische Schatzgrube. Anlässlich einer literarischen Figur wie der des intensiven Tagträumers lässt sich das ideal zeigen. Der Kontrast zwischen den inneren Vorstellungen und der realen Erscheinung im äußeren Leben bietet zahlreiche Auslöser für komische oder tragische Situationen. Das Verlangen, die Kluft zwischen Tagträumen und Realität zu überwinden, ist universal nachvollziehbar. Jeder wünscht einem solchen Durchschnittsmenschen mit seinem durchaus reichen Innenleben einen Ausbruch – im Grunde sieht sich jeder Zuschauer auch selbst ähnlich. Bei Filmfiguren wie FORREST GUMP oder Joel Barish aus VERGISS MEIN NICHT hat diese Wirkung für nachhaltige Erfolge gesorgt. Zudem ließe sich ein Benjamin Button anführen, der hier auch visuell zitiert wird.

Auch WALTER MITTY (Ben Stiller) ist ein klassischer Underdog und Tagträumer. Seine Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwelt ist eklatant. Äußerlich graue Maus, innerlich ein Actionheld, Lebensretter, Herzensbrecher. Vermutlich kann sich jeder ein Stück weit in den übertriebenen Tagträumer hinein versetzen. Um das Potenzial auszuschöpfen, gilt es unter anderem, seine innere Not zur Veränderung auszuloten, den Ausbruch aus den Tagträumen zu gestalten und die persönlichen wie sozialen Konsequenzen zu zeigen.

Kristen Wiig

Kristen Wiig

Das ist auch die Erzählabsicht der wirklich sehr kurzen und ironischen Geschichte von James Thurber, auf welcher der Film sehr frei aufbaut. Dabei macht er es einem nicht leicht, seiner inneren Verfassung nahe zu kommen, denn Mitty kreist fortwährend um sich, steht kaum mit anderen Menschen in engerer Beziehung und hat sich in einer Situation eingerichtet, die er von sich aus nicht ändern will. Überhaupt geht Mitty engeren Kontakten aus dem Weg. Seine Beziehungen zu Kollegen wie zu seiner Schwester und seiner Mutter beschränkt er auf das Nötigste. Seine filmisch wirksam und actionreich umgesetzten Sehnsüchte nach Heldentaten, Anerkennung und einer Frau stehen in wirkungsvollem Kontrast zu seinem Alltag als Negativarchivar beim renommierten Life-Magazin, aber er scheint mit seinen ungelebten Träumen insgesamt doch gut zurecht zu kommen.

So sind starke Auslöser von außen notwendig, um Mitty in Bewegung zu versetzen. Dafür sorgt einerseits der neue Chef TED (Adam Scott), der aus Life ein Onlinemagazin machen und Arbeitsplätze abbauen will. Andererseits hat es die neue Kollegin CHERYL (Kristen Wiig) Mitty angetan, aber er will lieber per Online-Dating statt direkt Kontakt mit ihr aufnehmen. Stärkere Bindungen sind allenfalls zu abwesenden Figuren festzustellen: zum Starfotografen SEAN O’CONNELL (Sean Penn) und zum verstorbenen Vater.

Erst die äußere Notlage, daß Mitty ausgerechnet das Negativ von Sean für das Titelbild verloren hat, lässt ihn seinen alten Wunschtraum erfüllen, reale Abenteuer zu erleben, in dem er sich auf die Suche nach dem Fotografen in Grönland, Island und schließlich Afghanistan aufmacht. Er überlebt aberwitzige Gefahren und leistet unglaubliche Rettungsaktionen. Aus dieser äußeren, spektakulär in Szene gesetzten, teilweise auch grotesk komischen Bewegung lebt der Film zu weiten Teilen.

Ben Stiller, Shirley MacLaine

Ben Stiller, Shirley MacLaine

Doch die innere Wandlung, die nötig scheint, um Mitty aus seiner Isolation zu holen, scheint er dabei lange nicht durchzumachen. Von Begeisterung und starker Anteilnahme oder sozialem Engagement ist bei ihm lange Zeit noch wenig zu spüren. Er gerät zwar äußerlich in Bewegung, bleibt aber innerlich verschlossen und beinahe autistisch. Es dauert, bis Mitty sich auf die neue Dynamik in seinem Leben einlässt. Ein wirklich neues Bewusstsein oder die Überwindung seiner Tagträume erreicht er am Ende nicht wirklich. Zwar schenkt er dem Sohn seiner Angebeteten ein Skateboard. Aber auf ihre eigentliche seelische Verfassung geht er wenig ein.

Dass die Begeisterung über seine Entwicklung sich auch beim Zuschauer in Grenzen hält, hängt auch damit zusammen, dass sein Umfeld seine Wandlung kaum wahrnimmt. Weder Mutter noch Schwester oder Cheryl bewundern den neuen, braun gebrannten Mitty. Nur der Mitarbeiter des Online-Dating-Service hätte sich ihn völlig anders vorgestellt.

Das hat zur Folge, dass die Wahrnehmung dann am Schluss doch ein klein wenig getrübt ist. So spektakulär und originell „Walter Mitty“ äußerlich auch aussieht – so wenig bewegend und berührend wirkt doch seine Metamorphose, die irgendwie doch keine ist. Das zeigt sich gerade im Vergleich mit dem ähnlich gelagerten Erfolgsfilm FORREST GUMP: weil überhaupt nicht erkennbar wird, ob Mitty nun seine Abenteuer deshalb erfolgreich gemeistert hat, weil er ein überaus radikaler Tagträumer ist – oder ob alles nur Glück und Zufall war. Bei Forrest Gump hingegen bestand eine sehr enge Verknüpfung zwischen Charakter und Geschichte. So bleibt der Film über Mitty bei allen komischen Momenten und atemberaubenden Bildern doch um manches hinter seinen grundsätzlichen Möglichkeiten zurück. Der Blick auf die Zuschauerzahlen dürfte dies, gerade im Vergleich zu FORREST GUMP deutlich werden lassen.

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Norbert Maass

Norbert Maass studierte Politische Wissenschaft und Geschichte in Erlangen sowie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München. Daneben war er als Rundfunkjournalist tätig und arbeitete verantwortlich bei zahlreichen, auch internationalen Filmproduktionen mit. Seit 1998 ist er – bei Firmen wie Bavaria, Senator, Amberlon oder BoomtownMedia – im internationalen Filmrechtehandel aktiv. Seit 2004 berät er zudem zahlreiche Filmfirmen und Filmemacher in Bezug auf Projekteinschätzungen, Vermarktungspotential und Dramaturgie

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