Das Pubertier



Wer ein chaotisches und unruhiges Lebensgefühl beschreibt, darf ruhig auch chaotisch und unruhig erzählen. „Das Pubertier“ steckt dramaturgisch voller Überraschungen und Stilbrüche. Da verliert sich die Erzählung schon mal in der unterschiedlichen Interpretation eines sexistischen Schüler-Aufsatzes, der für sich genommen völlig nebensächlich ist, aber mit viel Aufwand groß inszeniert wird; oder ein Nachbar, der zur Handlung wenig beiträgt, erhält kurzzeitig überdimensional viel Gewicht. Genauso verläuft eben die Pubertät: äußerlich tut sich oft gar nicht viel, aber innerlich gibt es jede Menge Aufregung.

Man könnte daher meinen, auch Aufbau und Erzählstruktur seien planlos und chaotisch. Tatsächlich wird man auf den ersten Blick keine geordnete ‚Story‘ erkennen. Plot Points im eigentlichen Sinne gibt es nicht, auch keine offensichtlichen Antagonisten. Streng genommen erzählt der Film gar keine eigentliche Geschichte. Ist daher „Das Pubertier“ nur eine wilde Improvisation?

Keineswegs. Einige Elemente, die der emotionalen Publikumsbindung dienen, werden sogar recht konsequent behandelt. Der eigentliche Antagonismus, also die Spannung zwischen zwei sich ausschließenden Wertesystemen und Prinzipien, ist deutlich zu erkennen. Allerdings besteht er eben NICHT – wie man vielleicht zunächst annehmen möchte – im Gegensatz zwischen einem wild exzessiven Lebensgefühl der Jungen und einer bürgerlich langweiligen Gegenposition bei den Erwachsenen.

Das Pubertier-PlEs ist vielmehr im Gegenteil so, dass HANNES (Jan-Josef Liefers) bei seiner Tochter CARLA (Harriet Herbig-Matten) nur vermutet, sie treibe es wild. In Wahrheit ist die Pubertät, die dieses süße Mädchen durchlebt, eine harmlose Sache. Hannes aber wird allein vom bösen Verdacht getrieben, hinter den verschlossenen Türen seiner Tochter könnten abgründige Orgien gefeiert werden. Genährt wird dieser Verdacht durch den Sohn einer befreundeten Familie. HOLGER (Detlev Buck) und MIRIAM (Monika Gruber) müssen sich tatsächlich mit einem Teenager herumschlagen, der eher wie ein IS-Terrorist beschrieben wird. Inspiriert von diesem Beispiel fühlt sich nun Hannes aufgerufen, bei seiner Tochter etwas zu verhindern, was gar nicht droht.

Das Kraftfeld, in dem sich die Geschichte bewegt, wird also einmal von der natürlichen Neugier und Lebenslust junger Menschen bestimmt; zum anderen von der Angst vor dem Kontrollverlust. In der Gegenüberstellung dieser beiden Kräfte ist der Film sehr konsequent.

Und hier liegt auch die Komik. In der Schilderung dieser sich wiederholenden Sequenzen bleibt der Film sich (und damit auch den Zuschauern) treu. An die Stelle einer klaren, auf Konflikten aufgebauten Handlung besteht „Das Pubertier“ daher eher aus Wellen von fast zufällig wirkenden, aber dann doch konsequent gesteigerten Anfällen wachsender Paranoia. Der Klimax der ersten Welle findet sich in einer harmlosen Party, die dank des Kontrollwahns des Vaters immer mehr entgleist und auf dem Polizeirevier endet; der zweite Höhepunkt (Hannes hat sich unter dem Bett seiner Tochter versteckt) kulminiert dann im vorläufigen Bruch.

Das Pubertier

Jan Josef Liefer, Harriet Herbig-Matten, Keike Makatsch

Ein kleineres dramaturgisches Problem besteht dabei darin, dass der erste Höhepunkt (die Szene auf dem Polizeirevier) vielstimmiger, witziger und lustvoller ist als die doch eher klein dimensionierte Szene in Carlas Zimmer, welche den eigentlichen Klimax bilden soll. Dennoch ist hier die Wendung zum dritten Akt deutlich zu erkennen. Und diese Wendung wiederum entspricht voll und ganz den Erwartungen.

Dieser dritte Akt liefert uns – ebenso vorhersehbar wie dann doch emotional befriedigend – das Ausbrechen aus dem allzu engen Beziehungsdrama zwischen Vater und Kind. Carla geht ins Ausland und vollzieht damit die Wendung nach außen. Hannes wird lernen müssen, loszulassen. Das Leben geht weiter. Carla wird zur Frau. Und Hannes wird schauen müssen, dass er sich mit Wichtigerem beschäftigt. In dieser sehr einfachen Struktur kann sich der Film zwischenzeitlich ruhig mit allerlei Nebensächlichem beschäftigen, ohne den Faden zu verlieren.

Die Garantie, dass während dieses nur scheinbar improvisierten Vor-sich-hin-Erzählens der Kontakt zum Publikum nicht abreißt, liegt in der Intensität der Beziehung. Hannes bringt mit seinem Verfolgungswahn eigentlich nur zum Ausdruck, wie furchtbar lieb er seine Tochter hat. Und Carla erwidert diese Gefühle im dritten Akt dann ganz explizit. Und auch zwischen Hannes und seiner Frau (Heike Makatsch) funktioniert eigentlich alles bestens.

Das PubertierSo besteht „Das Pubertier“, wenngleich ohne Handlung, aus einem zweimaligen Sich-Aufschaukeln von unbegründeten Verdächtigungen und Projektionen eines Erwachsenen, der lernen muss, dass das Leben weitergeht. Dem Thema wird der Film dadurch voll und ganz gerecht.

Insofern holt „Das Pubertier“ sowohl Eltern ab, die sich im Verfolgungswahn von Hannes gut wiedererkennen; in seinem kindlich abschweifenden Erzählstil erreicht er aber auch Teenager. So hat „Das Pubertier“ tatsächliche Familienfilm-Qualitäten aufzuweisen. Entsprechend vielversprechend stehen die Chancen am Markt.

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Roland Zag arbeitet in München als Drehbuchberater und Dramaturg. Seine bisherige Arbeit umfasst die dramaturgische Analyse von über 100 Filmen im deutschsprachigen Raum. Zugleich veröffentlicht er laufend aktuelle Marktprognosen unter blog.the-human-factor.de. Er war Berater erfolgreicher Kinofilme wie »Wüstenblume«, »Goethe!« oder »Die Fremde«.

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