Der junge Karl Marx



Eigentlich verwunderlich, dass die intensive und extrem folgenreiche Freundschaft zwischen den beiden Vordenkern des Marxismus noch nie im Kino zu sehen war! Schließlich wirken die Voraussetzungen glänzend: in den Jahren 1843 – 1848 leidet ein bettelarmes und politisch komplett rechtloses Proletariat unter der Willkür der Bourgeoisie. Und die Gruppe von Intellektuellen, die das zu ändern versucht – Sozialrevolutionäre wie PROUD’HON (Olivier Gourmet) oder WEITLING (Alexander Scheer) verzetteln sich in internen Machtkämpfen.

In diese scheinbar festgefügte, aber machtlose Hierarchie dringen nun zwei Außenseiter: KARL MARX (August Diehl) und FRIEDRICH ENGELS (Stefan Konarske). Die Phase, in der sie sich misstrauisch beäugen, dauert nicht lang. Bald entdecken sie die große und später nie mehr bezweifelte Wertschätzung für einander. Im Kreis der Intellektuellen scheinen sie zunächst schlechte Karten zu haben, denn die theoretische Vormachtstellung von Proud’hon scheint unbestritten. Und das radikal-rücksichtslose Wesen von Marx hilft nicht, sich beliebt zu machen.

Genau diese Geschichte – zwei Außenseiter schaffen es, eine festgefügte Hierarchie aufzurollen und die Welt zu verändern – bietet eigentlich glänzende Aussichten: wir wurde Geschichte geschrieben! Persönliche und historische Wege kreuzen sich. Warum ist dann „Der junge Karl May“ dann trotzdem nur ein wirkungsarmer Film geworden, dessen Spannung eher nachlässt, anstatt sich zu verdichten?!

Eines der dramaturgischen Grundaxiome, das sich oft bewahrheitet, liegt darin, immer dort hinzuschauen, wo es am meisten weh tut. In diesem Fall gäbe es da zwei große Baustellen: einmal das Elend des Proletariats – und zum anderen das aufbrausende, unversöhnliche, eigentlich sozial inkompetente Naturell der Hauptfigur. Wie wird es dem wortgewandten, aber vorläufig noch machtlosen Intellektuellen gelingen, die Sprache zu finden, die das Proletariat versteht?!

Die Frage aber wird im Film kaum je gestellt. Obwohl sie doch eigentlich die wichtigste wäre. Und hier kommt das Zwischenmenschliche ins Spiel: Marx allein hätte keine Chance. Aber dank der Freundschaft zu Engels gelingt das scheinbar Unmögliche: die Proletarier zu überzeugen. Nur findet das Drehbuch nicht den Mut, sich auf diese Fragestellung zu konzentrieren.

Der junge Karl Marx-PlDas Elend der Massen, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Verzweiflung spielt zu Beginn des Films noch eine recht zentrale Rolle. Doch je weiter sich die Handlung fortsetzt, desto mehr konzentriert sich das Geschehen auf eine Gruppe von Leuten, die nur redet, aber nichts tut. Dabei liegt doch die überlegene Wirkungsmacht der Marxisitischen Lehre eben darin, dass diese Lehre von den Massen der Entrechteten besser verstanden wurde als die seiner Konkurrenten! Aber eben gerade dieses Ringen ums Einfache, ums Verständliche und Massenkompatible findet in “Der junge Karl Marx“ kaum statt.

Dabei wäre gerade dies der Moment, wo der Figur Engels eine entscheidende Rolle zukommen könnte. Denn er fungiert wie der Übersetzer, der Dolmetscher seines intellektuell brillanten, aber auch herrischen und störrischen und intellektuell fordernden Vordenkers! Es ist eigentlich erst Engels, der die erratischen Gedanken seines Freundes so formuliert, dass alle sie verstehen. Das macht diese Freundschaft so einzigartig und wirkungsmächtig. Doch nur wenige Szenen handeln von dieser Dynamik.

Erst durch Engels bekommt Marx’ Lehre jene Qualität, die sie der seiner Konkurrenten so überlegen macht: das Kommunistische Manifest argumentiert so, dass der Sieg des Proletariats bei einem kommenden Umsturz nicht nur zu hoffen, sondern gleichsam SICHER ist. Marx‘ Analyse seiner Zeit ist so geartet, dass man nicht nur glauben, sondern wissen kann, wer im Klassenkampf der Zukunft Sieger sein wird. Dadurch ist seine Theorie der seiner Konkurrenten weit überlegen. Aber nur, wenn es jemanden gibt, der diese Quintessenz auch wirklich auf den Punkt bringt: Engels.

Aber wird dies deutlich?! Bedingt.

Insofern ist „Der junge Karl Marx“ ein Film, der sich das Leben unnötig schwer macht, indem er sich nicht klar und eindeutig auf eine einzige Thematik konzentriert, sondern sich immer wieder auf Nebenschauplätze (die Familien, die Liebesbeziehungen) ablenken lässt. Weshalb die Geschichte zwar eine Menge interessante und historisch wissenswerte Anekdoten abwirft. Aber zum eigentlich erregenden Zentrum der Frage nie vordringt: wie konnte es geschehen, dass eine hoch philosophische Analyse zugleich so massentauglich und suggestiv wurde, dass sie jahrhundertelang die Politik dominieren konnte?! Darauf liefert der Film keine wirklich zwingende Antwort.

Insofern steht zu befürchten, dass es zwar aufgrund der zweifellos starken und interessanten Prämissen ein zunächst großes Interesse entfacht, dieses am Markt dann eben leider doch schneller erlahmt, als das möglich und wünschenswert wäre.

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Roland Zag arbeitet in München als Drehbuchberater und Dramaturg. Seine bisherige Arbeit umfasst die dramaturgische Analyse von über 100 Filmen im deutschsprachigen Raum. Zugleich veröffentlicht er laufend aktuelle Marktprognosen unter blog.the-human-factor.de. Er war Berater erfolgreicher Kinofilme wie »Wüstenblume«, »Goethe!« oder »Die Fremde«.

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