Douglas Sirk


Filmbuch des Monats Oktober 2017: Knut Hickethier/Andreas Stuhlmann: Douglas SirkEr wurde in Hamburg geboren, hieß zunächst Hans Detlef Sierck, war Mitte der 1930er Jahre ein erfolgreicher Regisseur bei der Ufa, ging aber mit seiner jüdischen Frau Hilde Jary 1937 ins Exil. In den 1950er Jahren drehte Douglas Sirk für das Universal-Studio in Hollywood 21 Filme, darunter zehn Melodramen, die zu den Höhepunkten dieses Genres gehören. Für die Buchreihe „Hamburger Köpfe“ haben Knut Hickethier und Andreas Stuhlmann eine Biografie geschrieben, die hervorragend recherchiert ist und den schwierigen Lebensweg des großen Regisseurs in Erinnerung ruft

Geboren am 26. April 1897; das Datum ist im Buch durch die faksimilierte Geburtsurkunde belegt. Sirk hat sich, als er nach Amerika kam und seinen neuen Namen annahm, drei Jahre jünger gemacht und damit später für manche Verwirrung gesorgt. Sein Vater war Volksschullehrer, Detlef Sierck wuchs in eher ärmlichen Verhältnissen auf, ging häufig mit seiner Großmutter ins Kino, machte 1915 Abitur, interessierte sich für Theater, Literatur und Kunst. Im Ersten Weltkrieg musste er nicht an die Front, studierte anschließend Philosophie und Kunstgeschichte, bekam ein Stelle als Dramaturg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und wechselte dann als Regisseur ans Schauspielhaus in Bremen. 1924 heiratete er die 13 Jahre ältere Schauspielerin Lydia Brincken, vier Jahre später kam es zur konfliktreichen Scheidung. In zweiter Ehe verband sich Sierck mit der Schauspielerin Hilde Jary, mit der er später gemeinsam ins Exil ging.

Nach fünf Theaterjahren in Leipzig begann 1934/35 die Filmarbeit mit drei Kurzfilmen, gefolgt von dem Spielfilmdebüt APRIL, APRIL!, einer Komödie mit Carola Höhn und Albrecht Schoenhals. Sechs weitere Ufa-Filme realisierte Detlef Sierck bis Ende 1937 – darunter die beiden Zarah Leander-Filme ZU NEUEN UFERN und LA HABANERA – dann wurde das Verbleiben von Hilde Jary in Deutschland zu gefährlich, und die Flucht ins Exil über die Schweiz, Frankreich und die Niederlande, verbunden mit den Versuchen, dort Filme zu drehen, endete schließlich in den USA. Im September 1939 begann das Leben von Douglas Sirk.

Wie für viele Exilanten waren die Startschwierigkeiten groß, als erster program­matischer Erfolg erwies sich HITLER’S MADMEN (1942/43), dann drehte Sirk unterschiedliche Genrefilme, bei denen er vor allem für die Schauspielerführung gelobt wurde. Die Rückkehr nach Deutschland 1949/50 blieb kurzfristig. Die 1950er Jahre wurden für ihn durch einen Vertrag mit Universal zu seiner erfolgreichsten Arbeitsphase. Sie endete mit einem seiner schönsten Filme, IMITATION OF LIFE, der auch sein finanziell erfolgreichster Film wurde.

1959 kehrte das Ehepaar Sirk nach Europa zurück, wohnte in der Schweiz, die Arbeit wurde reduziert. Fünf Jahre (von 1974 bis 1979) war Sirk Gastdozent an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Wichtig war ihm die Freundschaft zu Rainer Werner Fassbinder, der Sirks Filme liebte und einen berühmten Aufsatz darüber geschrieben hat („Imitation of Life“, in: Fernsehen und Film, Velber, Februar 1971). Am 14. Januar 1987 starb Douglas Sirk im Alter von 89 Jahren in Lugano.

Knut Hickethier und Andreas Stuhlmann erzählen das Leben von Detlef Sierck/Douglas Sirk in vierzehn Kapiteln weitgehend chronologisch. Wichtig ist ihnen einerseits die Darstellung der zeitgeschichtlichen Hintergründe. 300 Anmerkungen verweisen auf Quellen, die zum Teil neu erschlossen wurden. Andererseits verlieren sie nie die künstlerische Arbeit des Regisseurs aus dem Auge. Ihre Hinweise auf ästhetische Qualitäten, formale Eigenheiten, die Zusammenarbeit mit den Kameramännern, die Auseinandersetzung mit den Produzenten sind wichtig, um die Bedeutung von Douglas Sirk richtig einschätzen zu können.

Knut Hickethier war bis 2011 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die deutsche Medien­geschichte. Wichtig sind ihm analytische Befunde. Andreas Stuhlmann ist Professor für deutsche Literatur, Kultur und Medien-wissenschaft an der University of Alberta, Kanada. Seine Schwerpunkte sind Exil und Migration, Mediengeschichte und digitale Kultur. Das Zusammenspiel der beiden Autoren hat zu einem sehr gut lesbaren, spannend geschriebenen Buch geführt, das Leben und Werk eines großen Regisseurs in Erinnerung ruft. Viele der Filme von Sierck/Sirk sind als DVD verfügbar. Man könnte parallel zur Lektüre des Buches eine kleine, private Retrospektive veranstalten.

Hinweis: in Hamburg wird seit 1995 jährlich während des Filmfests der „Douglas-Sirk-Preis“ an eine Person verliehen, die sich um die Filmkultur verdient gemacht hat. Die ersten Preisträger waren Clint Eastwood, Stephen Frears, Jodie Foster, Peter Weir und Jim Jarmusch. Zuletzt wurden Kim Ki-duk, Tilda Swinton, Fatih Akin und Catherine Deneuve mit dem Preis ausgezeichnet. In diesem Jahr, am 13. Oktober, erhält ihn Wim Wenders.

Zur Erinnerung: 1987 hat Elisabeth Läufer das Buch „Skeptiker des Lichts. Douglas Sirk und seine Filme“ in der Reihe Fischer Cinema publiziert. 1997 haben Hans-Michael Bock und Michael Töteberg im Verlag der Autoren das Buch „Douglas Sirk. Imitation of Life. Ein Gespräch mit Jon Halliday“ herausgegeben. Im Anhang findet man dort eine detaillierte Filmografie, einen Überblick über die Theaterarbeit und eine Bibliografie.

Das Buch von Hickethier und Stuhlmann beeindruckt auch durch zahlreiche Abbildungen in guter Qualität. Auf dem Cover, hinter dem Sirk-Porträt: Szenenfoto aus dem Film WRITTEN IN THE WIND.

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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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