Drei Stunden


Emotional überzeugende Liebesfilme vermitteln dem Zuschauer nachvollziehbar, was die beiden Menschen verbindet, was sie teilen und austauschen. In „Drei Stunden“ von Boris Kunz wird anfangs auf witzige und überzeugende Weise erzählt, warum die Zufallsbegegnungen zwischen ISABEL (Claudia Eisinger) und MARTIN (Nicholas Reinke) in der Lage sind, eine Beziehung herzustellen. Beide Charaktere brennen für das, was sie anstreben. Isabel setzt sich engagiert gegen genmanipuliertes Saatgut ein, während Martin voller Commitment ein Theaterstück entwickelt. Die beiden werden von Anfang an mit Hilfe ihrer Auseinandersetzungen um ihre unterschiedlichen Haltungen und Ziele plastisch und reich gestaltet.

Was beide verbindet, ist das Bedürfnis, die Welt zu verändern, und die Frage, wie das am wirkungsvollsten geht. Die pragmatisch entschlossene Isabel beantwortet sie mit praktischen Hilfsengagements in Afrika, während der skeptisch zögerliche Martin an die Kraft von fiktionalen Theatermärchen glaubt. Nur ausschnittweise, über Briefe und in Rückblenden erzählt der Film, wie daraus mit gegenseitiger Hilfe sowie reichlich Geben und Nehmen eine intensive Freundschaft entstanden ist.

Die eigentliche Geschichte jedoch dreht sich um das Paradox, dass die beiden bisher kein Paar geworden sind. Die dramatische Frage besteht darin, ob sie es doch noch werden können. Das auslösende Moment ist ein Kuss, den Isabel Martin bei der Hochzeit ihrer Schwester und kurz vor der Abreise zu einem akuten Hilfseinsatz in Mali gibt. Mehr zufällig als bewusst stehen sie vor der Tatsache, dass sie viel mehr für einander empfinden, als sie bisher zugelassen haben. Allerdings ist uns Zuschauern – dank des sehr stimmig gestalteten Prologs – die Gefühlstiefe der beiden längst klar. Isabel und Martin sind für einander bestimmt. Insofern leidet der Film von Beginn an unter großer Vorhersehbarkeit. Hier wird die prinzipiell sehr überzeugende romantische Austauschebene zur Falle: denn die Grundspannung des Films bleibt von Beginn an gering.

Dennoch stünde immer noch der Bedarf nach intensiverer Auseinandersetzung im Raum, wie er in ähnlich gelagerten Filmen wie „Harry und Sally“ oder der „Before“-Trilogie von Richard Linklater ausgiebig bedient wird: es wäre immer noch spannend, zu erfahren, warum den guten Freunden bislang offenbar die erotische Spannung gefehlt hat, um ein Paar zu werden.

„Drei Stunden“ weicht hier jedoch von der Linie der Vorbilder ab und wechselt quasi den Modus: von character- zu plot driven. Statt nämlich die inneren Konflikte und Entscheidungsnöte in den Mittelpunkt zu rücken, wird vermehrt auf äußere Spannung gesetzt. „Drei Stunden“ ist ein Hindernisparcours mit einem Ende, das nie in Frage steht.

Der zentrale Konflikt, der nun eigentlich und unter Zeitdruck im Raum steht, handelt von der Wertefrage, was wichtiger ist: die mögliche Liebe oder die anstehenden Projekte. Soll Isabel ihren akuten Hilfseinsatz absagen oder verschieben (und damit nicht die Landwirtschaft in Mali ein Stück weit zu retten), um ihre Beziehung zu klären? Soll Martin auf der anderen Seite die laufenden Proben für sein lang ersehntes Theaterstück vernachlässigen oder aufgeben, um seiner angeblichen Liebe nach Afrika zu folgen?

Die eigentlich spannungsreichen inneren Angelegenheiten werden von zahlreichen äußeren Hindernissen überlagert. Die inneren Konflikte verlieren dadurch an ihrer grundsätzlich möglichen Spannkraft. Wenn die beiden sich dann in einer wie zufällig wirkenden Wendung treffen, wird weniger romantisch als schmerzhaft deutlich, wie schwierig es ist, eine gemeinsame Perspektive zu finden.

Die Optionen (Theater in Afrika oder Fernbeziehung?) haben wenig romantische Qualität.An diesem Punkt werden nun zwar die richtigen Fragen gestellt: Warum ist ihre romantische Beziehung nur halbgar? Warum hatte Martin Angst, sich auf Isabel einzulassen? Wer meint was ernst? Was lohnt sich mehr? Wie kann man sich seine Liebe beweisen? Aber die Antworten bleiben offen. Eine wirkliche innere Entwicklung und Reifung der Figuren, die eigentlich im Raum steht, findet nicht statt.

Immerhin nehmen sie aus dieser Begegnung etwas Wichtiges mit: ein bisher fehlendes gemeinsames Projekt in Form einer Wünscheliste, was sie noch gemeinsam vorhaben. Dadurch wird im Zuschauer der (ohnehin klare) Wunsch noch verstärkt, die beiden mögen doch noch zusammen kommen, was formal auch mit Hilfe von Martins Mentor – keinem geringeren als GOTT höchstpersönlich (Dietrich Hollinderbäumer) – gelingt.

Dass sich das insgesamt befriedigend anfühlt, hängt auch damit zusammen, dass die beiden ihren ursprünglichen Zielen und damit sich selbst treu bleiben. Dass dennoch keine starke emotionale Spannung und Überzeugungskraft von der Liebesgeschichte ausgeht, hat damit zu tun, dass die Grundspannung von Beginn an viel zu gering und der positive Ausgang immer klar war. Dass Martin erst durch Gott persönlich auf den rechten Weg gerät, zeigt, dass er eigentlich nicht gefordert war, sich selbst weiter zu entwickeln.

So wird „Drei Stunden“ als eine interessante, charmante und unkonventionelle romantische Komödie dieses oft kriselnde Genre bereichern und variieren, aber letztlich doch nicht mit durchschlagender Überzeugungskraft versehen. Am Markt wird sich aufgrund der aktuellen Wetterlage und den fehlenden Namen ebenfalls kein großer und nachdrücklicher Erfolg erzielen lassen, obwohl der Film viel mehr Menschen als den tatsächlichen gemessenen Zuschauern gefallen würde.

Der Publikumsvertrag: Drehbuch, Emotion und der 34;human factor34; (Praxis Film) (Taschenbuch)


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Norbert Maass

Norbert Maass studierte Politische Wissenschaft und Geschichte in Erlangen sowie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München. Daneben war er als Rundfunkjournalist tätig und arbeitete verantwortlich bei zahlreichen, auch internationalen Filmproduktionen mit. Seit 1998 ist er – bei Firmen wie Bavaria, Senator, Amberlon oder BoomtownMedia – im internationalen Filmrechtehandel aktiv. Seit 2004 berät er zudem zahlreiche Filmfirmen und Filmemacher in Bezug auf Projekteinschätzungen, Vermarktungspotential und Dramaturgie

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