Einsame Klasse

Einsame Klasse


Filmbuch des Monats Juli 2017: Eva Gesine Baur: Einsame Klasse. Das Leben der Marlene Dietrich
Sie kam aus Deutschland, wurde mit dem BLAUEN ENGEL ein Weltstar und ist eine mythische Person geblieben, an der sich viele abarbeiten. Eva Gesine Baur kommt Marlene Dietrich in ihrer Biografie sehr nahe, weil sie mit großer Intensität primäre Quellen ausgewertet hat, die sie in ihrem Text in eine enge Verbindung bringt: Tagebücher, Briefe, Aufzeichnungen von Marlene und all den Personen, mit denen sie enge Beziehungen hatte – Liebschaften und Freundschaften. Es gibt viele Protagonisten in diesem Buch, aber sie haben es offenbar nicht geschafft, Marlene aus ihrer fast traumatischen Einsamkeit zu befreien. Der Titel der Biografie ist doppeldeutig.

Auf 550 Seiten wird das Leben von Marlene Dietrich in 16 Kapiteln chronologisch erzählt. Jedes Kapitel enthält in der Überschrift eine zuspitzende Charakteri­sierung: Außenseiterin (Kindheit in Berlin), Schwärmerin (Teenager in Berlin und Dessau), Haltlose (Studentin in Weimar und Berlin), Suchende (Theater­erfahrungen in Berlin), Arbeitstier (Filmchancen in Wien und Berlin), Aufbrecherin (Karriere in Hollywood, Familie in Berlin), Rastlose (Star zwischen Paris, New York und L.A.), Jägerin (Liebe und Leere), Amerikanerin (Einsatz für die neue Heimat), Soldatin (An der Front und erste Nachkriegszeit), Frau um die Fünfzig (Krise und Neubeginn), Einsame (Showstar weltweit), Heimkehrerin (Bewunderung und Hass), Phänomen (Eine Alterskarriere), Unbelehrbare (Verdunkelung und Absturz), Der Mythos und sein Preis (Vereinsamung im Herzen von Paris).

Einsame Klasse BuchcoverDie Montage von Eigentext und Zitaten erfüllt keinen wissenschaftlichen Anspruch, erleichtert aber die Lektüre. Der Kursivsatz aller Zitate verbindet sich flüssig mit dem Normalsatz des Textes der Autorin. In den Anmerkungen werden natürlich die Quellen genannt, aber nicht die Seitenzahlen. Eva Gesine Baur ist eine erfahrene Autorin, die ihr Material im Griff hat und ihre Leserinnen und Leser souverän mit einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte konfrontiert. Sie verliert auch die Zeitgeschichte nicht aus den Augen, die im Leben von Marlene Dietrich eine große Rolle gespielt hat. Der Wechsel der Staatsbürgerschaft war für sie von existentieller Bedeutung.

Dies sind die Hauptpersonen, die häufig erwähnt oder zitiert werden: der Ehemann Rudolf Sieber („Rudi“), von Beruf Aufnahmeleiter, die Tochter Maria, geboren 1924, Rudis Lebensgefährtin Tamara Matul („Tami“), die Mutter Josephine von Losch, die Schwester Elisabeth, die Regisseure Josef von Sternberg, Fritz Lang, Ernst Lubitsch, Billy Wilder, die Komponisten Max Colpet und Friedrich Hollaender, der musikalische Begleiter Burt Bacharach, die Sängerin Edith Piaf, die Autoren Ernest Hemingway, Alfred Polgar, Erich Maria Remarque und Friedrich Thorberg, die Schriftstellerin Mercedes de Acosta, das Ehepaar Alain und Norbert Bosquet, die Schauspieler Maurice Chevalier, Douglas Fairbanks jr., Jean Gabin, Yul Brynner und Zbigniew Cybulski. Die Zahl der Nebenfiguren ist groß.

Auf die Filme, in denen Marlene Dietrich meist die Hauptrolle spielte, geht die Autorin nicht sehr intensiv ein, sie beschränkt sich in der Regel auf die Auseinandersetzungen mit Produzenten und Regisseuren, informiert über die Resonanz bei Kritik und Publikum, erinnert an die Brüche in der Karriere als Schauspielerin. Marlenes zweite Karriere als Sängerin wird detaillierter beschrieben: ihre Reisen um die Welt, ihr Repertoire, ihre Kleidung, ihre Auftritte. Und bei allen Erfolgen wird als Kehrseite immer wieder die Einsamkeit thematisiert, die traumatische Dimensionen annimmt.

Eva Gesine Baur (*1960) ist promovierte Kunsthistorikerin, hat Literatur- und Musikwissenschaft, Psychologie und Gesang studiert. Unter dem Pseudonym Lea Singer hat sie zehn Romane publiziert, als Biografin hat sie sich in den letzten zehn Jahren mit dem Leben von Charlotte Schiller, Frédéric Chopin, Emanuel Schikaneder und Wolfgang Amadeus Mozart beschäftigt. Die Musik dominiert.

Über Marlene Dietrich gibt es viele Bücher, beginnend mit ihren Reflexionen („Nehmt nur mein Leben…, 1979) und ihren Memoiren („Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin“, 1987). Nach Marlenes Tod erschien das Buch ihrer Tochter Maria Riva „Meine Mutter Marlene“ (1992). Beeindruckend ist die Biografie von Steven Bach „Marlene Dietrich, Life and Legend“ (1993), die auch ins Deutsche übersetzt wurde. Lesenswert finde ich noch immer das Buch „Marlene und Jo. Recherche einer Leidenschaft“ (2000) von Helma Sanders-Brahms. 2001 hat Werner Sudendorf, langjähriger Leiter der Marlene Dietrich Collection, bei dtv sein kluges Marlene Dietrich-Porträt publiziert.

2011 unternahm Karin Wieland den Versuch, das Leben von Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl parallel zu erzählen. 2015 erschien erstmals der historische Text von Alfred Polgar, entstanden 1937/38, „Marlene, Bild einer berühmten Zeitgenossin“. Als „Romanbiografie“ bezeichnet Katja Kulin 2016 ihr Buch „Marlene Dietrich. Von Kopf bis Fuß auf Leben eingestellt“. Die Bibliografie in Eva Gesine Baurs Buch (zehn Seiten) nennt noch zahlreiche andere Publikationen. Und „Einsame Klasse“ wird mit Sicherheit nicht das letzte Buch über Marlene Dietrich sein.

Einsame Klasse: Das Leben der Marlene Dietrich


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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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