Elle



Es ist nicht leicht, „Elle“ mit herkömmlichen Methoden zu analysieren. Handelt es sich um eine ‚Reise der Heldin’?! Wohl kaum. Auch wenn die Hauptfigur MICHELLE (Isabelle Huppert) pausenlos im Mittelpunkt steht, wird man auf den ersten Blick die Figurenwandlung vermissen – denn die hartgesottene Game-Entwicklerin wirkt am Ende nicht mehr oder weniger selbstbestimmt und kraftvoll als zu Beginn. Zwar schickt der Film seine Heldin auf eine Reise in die Dunkelheit triebhafter Verstrickung – aber es scheint nicht so, als mache das der Heldin viel aus. Im Gegenteil.

Auch die traditionellen Akt-Einteilungen greifen hier kaum. Denn die Enthüllung des Täters, die traditionell das Ende des zweiten Aktes markiert, vollzieht sich hier schon wesentlich früher, wodurch einiges an äußerer Spannung verloren geht, allerdings das innere Drama der Figur gesteigert wird. Und eigentlich fehlt eine Exposition: denn rein strukturell beginnt der Film gleich ohne Umschweife mit dem ‚Plot Point’. In Michelles scheinbar kontrolliertes Leben dringt ein Vergewaltiger. Mit diesem Ereignis bricht sofort das Brutale und Unbekannte ein. Nicht nur in Michelles Welt. Auch die Zuschauer sind sofort geschockt.

So entsteht ein Film, der einerseits immer wieder die klassischen Muster befolgt – und sie doch bricht: die Suche nach dem Verbrecher gehört zum bekannten Repertoire und führt auf einige mehr oder weniger heiße Spuren, denen Michelle als eine Art verdeckte Detektivin furchtlos nachgeht. Soweit ist „Elle“ vorhersehbar. Doch zugleich werden die Konventionen beständig gebrochen. Denn Michelles Verhalten folgt nicht dem gesellschaftlich Normierten. Sie sinnt nicht auf Rache, sondern scheint die Nähe des Vergewaltigers geradezu zu suchen. Augenscheinlich gibt ihr das Spiel mit Sex und Gewalt genau jenen Kick, den ihr das gesellschaftlich normierte Leben nicht bietet. Und damit überschreitet der Film immer wieder Grenzen – auch und vor allem die Grenzen der Zuschauererwartung.

Letztlich führt der Film so eine Art Doppelleben – genau wie seine Protagonistin. Auch Michelle lebt nach außen hin in den gewohnten Normen: sie ist eine erfolgreiche Unternehmerin, die sich gegenüber ihrem Sohn, ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann loyal und keineswegs unempathisch verhält. Auf dieser Ebene reagiert sie ‚normal’.

Elle-PlParallel dazu erleben wir auf der sexuellen Ebene eine andere, rücksichtslose Michelle, die Dinge tut, die den Moralvorstellungen komplett widersprechen: sie pflegt eine Affaire mit dem Mann ihrer besten Freundin; zugleich scheint sie auch den Nachbarn, ja vielleicht sogar einen ihrer jungen Mitarbeiter verführen zu wollen; in ihrer Arbeit als Game-Entwicklerin unterstützt sie sexistische und frauenfeindliche Tendenzen, und in ihrer Eifersucht auf die jetzige Frau des Ex-Mannes verletzt sie Grenzen. Und selbst das scheint ihr noch nicht genügen. Denn durch den Kontakt mit dem Vergewaltiger entsteht noch eine Steigerung des Obsessiven.

Diese innere Spannung zwischen der ‚normal’ funktionierenden und der untergründig zügellosen Michelle definiert die Dramaturgie des Films. Letztlich erzählt der Film zwei Hauptfiguren gleichzeitig: die angepasste Geschäftsfrau und die manisch Triebhafte. Anders als in ähnlich gelagerten Fällen aber wird dieser Konflikt nie offen benannt; auch Michelle selbst bekennt sich nie zu ihrem Doppelleben. Sie leidet nicht, sondern nimmt alles stoisch hin. All das stellt die Empathie, das Einfühlungsvermögen des Publikums vor große Herausforderungen.

Der erzählerische Clou, mit dem beide Ebenen der Persönlichkeit zusammen gezwungen werden, liegt in der Backstory. Denn Michelle ist die Tochter eines zu lebenslanger Haft verurteilten Mörders. Aus dieser extremen Herkunft rechtfertigt sich die verstörende Doppelbödigkeit der Figur. Unser Einfühlungsvermögen erklärt noch das bizarrste Verhalten der Figur mit ihrem Trauma. Es ist das Publikum, welches hier die ‚Reise des Helden’ durchlebt, indem es gezwungen wird, scheinbar die widersprüchlichen Ebenen des Verhaltens beständig auf einen Nenner zu bringen.

Die Kraft, die von „Elle“ ausgeht – vorausgesetzt, man lässt sich auf einige der oft bizarren und mitunter offen frauenfeindlichen Wendungen ein – speist sich also aus dem Antagonismus zweier Lebensformen, die beide in derselben Figur verwirklicht werden: der erwartbaren Befolgung von gesellschaftlichen Mustern (bis hin zu Michelles geduldigem Umgang mit dem extremen Katholizismus ihrer Nachbarin); und der gleichzeitigen Unterminierung derselben durch das Spiel mit dem eigenen Vergewaltiger.

Welche der beiden Seiten wird am Ende siegen?! Die ‚normale’ Michelle oder die Triebtäterin?! Beide Seiten liegen in beständigem Kampf. Und dieser vollzieht sich zugleich auch in uns.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese destruktive Schraube am Ende erst ausgerechnet durch das Eingreifen von Michelles Sohn beendet wird. Denn dieser verkörpert all das, was Michelle fehlt: Schwäche, Nachgiebigkeit, Emotion, repräsentiert also etwas wie den ‚normalen’ Menschen in seiner Hilflosigkeit. Dass ausgerechnet er es ist, der am Ende Michelle von ihrer Obsession befreit, entspricht der Wunschentwicklung . Es wirkt, als hole der Sohn die Mutter zurück in die Welt der ‚Normalität’.

Am Ende, als der Spuk vorbei ist, findet Michelle endlich die Kraft, klaren Tisch zu machen und sich aus unguten Verstrickungen zu lösen. Darin liegt dann eben doch eine Art Katharsis – aus Sicht vieler Zuschauer gewiss eine geheime Befriedigung. Die ‚kranke’ Michelle scheint am Ende zwar nicht direkt gewandelt, aber ‚geheilt’.

Diese Botschaft ist dann doch konventioneller und bürgerlicher, als der Film auf den ersten Blick scheint. Insofern hat „Elle“ am Kinomarkt gute Chancen: Einerseits bedient der Film sehr geschickt das Verlangen nach verstörenden Überraschungen. Andererseits siegen am Ende doch die herkömmlichen Wertvorstellungen. In dieser Mischung dürfte viel Unterhaltungswert liegen. Dieser könnte dem Film – egal ob er einen Oscar bekommt oder nicht – eine längere Laufzeit und starke Reaktionen bescheren.

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Roland Zag arbeitet in München als Drehbuchberater und Dramaturg. Seine bisherige Arbeit umfasst die dramaturgische Analyse von über 100 Filmen im deutschsprachigen Raum. Zugleich veröffentlicht er laufend aktuelle Marktprognosen unter blog.the-human-factor.de. Er war Berater erfolgreicher Kinofilme wie »Wüstenblume«, »Goethe!« oder »Die Fremde«.

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