Fack ju Göthe 2


Wenn eine Komödie zum massenhaften Erfolg findet, muss sie mehr bieten als komische Konstellationen und reihenweise Gags. Der Erfolg von „Fack Ju Göthe“ hat das 2013 eindrucksvoll gezeigt: klarer Kontrast der Welten, wirkungsvolle Wertekonflikte, relevante Themen, deutliches Geben und Nehmen sowie dynamische Entwicklungen und starke Wunscherfüllungen boten zusätzlich zu den zahlreichen Witzen und lustigen Szenen sowie weiteren Erfolgsfaktoren die Grundlage für einen massiven Publikumsrenner.


Im zweiten Teil wurde zwar einerseits viel geändert, aber in der Substanz sind alle erfolgreich gewesenen Wirkungsfelder erneut klar bespielt. Die Beziehung zwischen dem ehemals kriminellen Aushilfslehrer ZEKI MÜLLER (Elyas M’Barek) und der Vollblutpädagogin LISI SCHNABELSTEDT (Karoline Herfurth) ist spürbar nicht in Ordnung. Zeki lässt den Zuschauer in jedem Moment mit jeder Ausdrucksform spüren, wie sehr er den Lehrerjob hasst. Der Konflikt zwischen seiner Bella-Vita-Perspektive mit Hilfe kriminell erbeuteten Geldes und der existierenden Working-Couple-Beziehung ist stark und steht auf Messers Schneide; die Schlussperspektive aus dem ersten Teil deutlich ins Wanken geraten.

Die wesentliche Spannung des Films verläuft damit zwischen zwei Haltungen: zwischen Arbeitsvermeidung und Arbeitseifer. Müller macht überdeutlich, dass er alles darauf ausrichtet, den Aufgaben eines Lehrers aus dem Weg zu gehen und jede mögliche Anstrengung zu vermeiden – es sei denn, es geht um das Wiederbeschaffen seiner Beute, mit der er sich endlich ein ruhiges, reiches und faules Leben zu ermöglichen hofft. Der pädagogische Eifer von seiner Freundin ist ihm fremd, ebenso der ehrgeizige Leistungsdruck des konkurrierenden Schillergymnasiums mit dem antagonistischen Lehrer HAUKE (Volker Bruch) und der ehemaligen Kollegin CARO (Alwara Höfels). Müller fungiert wirksam als cooles und attraktives Role Model für alle, die den leichten Weg durchs Leben suchen.

Doch das Drehbuch wäre nicht so wirkungsvoll, wie es ist, wenn es ihm diesen Wunsch vorschnell erfüllen würde. „Fuck ju Göhte 2“ macht dem Protagonisten das Verfolgen seiner Lust, andere für sich schuften zu lassen, so schwer wie möglich. Vor allem die Bindungen auf der zentralen Beziehungsebene zwischen Müller und seinen Problemschülern sind potenziell stark genug, um ihm erneut vor Augen zu führen, dass er sich entscheiden muss. Sind sie ihm dermaßen egal, wie es seine beleidigenden Worte bis zum Schluss vermuten lassen, oder will er sich um sie kümmern und ihren Wunsch, sie zum Abitur zu bringen, erfüllen? Die Spannung, die in dieser unklaren Beziehungsebene enthalten ist, wird ausgiebig bespielt und zur Wirkung gebracht.

Es fällt dabei auf, dass der emotionale Grundverlauf aus dem ersten Teil wiederholt wird. Statt ein grundlegend neues emotionales Wirkungsgefüge aufzuziehen, wird auf das Erfolgsrezept kopiert (warum auch nicht?!). Erneut wehrt sich Müller lange Zeit gegen sein Bedürfnis, mit den Schülern zu bonden; stattdessen versucht er mit allen Mitteln, seine Diamanten endgültig in Sicherheit zu bringen. Dabei kommt es auf den konkreten Plot und seine Glaubwürdigkeit nicht entscheidend an. Der Verlauf sorgt vor allem für ständige Vorwärtsbewegungen, da nichts glatt läuft und Müller die Beute mehrmals in seine Hände bringt, aber sie wieder auf abstruse, ständig bewegte Art und Weise verlieren lässt. Diese Dynamik des Plots ist eine wirksame Verstärkung des Erlebens und sorgt für zahlreiche komische Verwicklungen inmitten der reizvollen Schauwerte, aber für die emotionale Wirkung ist auch hier die zwischenmenschliche Ebene maßgeblich.

Der innere Konflikt des Protagonisten wird dabei durch die spürbare Zuwendung seiner Problemschüler verschärft, bis er zum Punkt gelangt, an dem er schmerzhaft und nachvollziehbar seine eigenen pädagogischen Grenzen anerkennen muss. Vor allem die nochmals eindrucksvoller gestaltete CHANTAL (Jella Haase) sucht stets den Kontakt und die Auseinandersetzung. Als besonders starkes Zeichen lesen sie sogar Goethes „Faust“ für ihn und fassen das Buch möglichst einfach zusammen, damit ihr Lehrer es auch versteht. Durch diese klaren zwischenmenschlichen Signale wird die immer wieder grell-groteske Komödie mit der notwendigen Wunschentwicklung unterlegt. Zeki verweigert sich dem lange, was die Spannung in dieser Hinsicht wirkungsvoll hoch hält. Der emotionale Höhepunkt findet in Form eines sozialen Experiments statt, in dem der Lehrer die Schüler zu einem Brief an ihre Eltern zwingt, der berührende Momente schafft und die schwierigen familiären Hintergründe ans Licht bringt. Müller gelingt es, die unterschiedlichen Situationen durch seine Intervention bis zum Schluss deutlich zu verbessern.

Da aber auch die jetzt deutlich wärmer wirkenden Problemschüler an die Grenzen ihrer intellektuellen und helfenden Möglichkeiten stoßen, lädt das Drehbuch eine Gruppe von thailändischen Waisenkindern unter dem deutschen Tsunami-Opfer zusätzlich auf und lässt auf diesem Nebenstrang die entscheidende Wende geschehen. Aus der anfänglichen Feindseligkeit wird eine Kooperation, die jetzt echte Benachteiligung ins Spiel bringt. Der Moment, der letztlich die Wende bei Müller auslöst, ist ein relativ kleiner. Er kann seine harte Haltung beim Anblick eines thailändischen Waisenkinds nicht mehr beibehalten und folgt plötzlich motiviert seiner Empathie sowie dem Gemeinschaftsgefühl mit seinen Schülern. Im Einsatz aller, mit Hilfe der Beute ein Waisenhaus zu bauen, den Schulwettstreit zu gewinnen und Hauke das böse Handwerk zu legen, legt der Film an sozialer Relevanz und stark wirksamen Miteinander noch einmal deutlich zu. Die gesamte Dynamik der Geschichte schafft es insgesamt absolut überdurchschnittlich, reichlich komische Späße mit starken zwischenmenschlichen Bewegungen zu verbinden und dabei eine sehr erfolgswirksame Mischung zu erreichen.

Letztlich wird auch als weiterer Erfolgsfaktor die Wunscherfüllung befriedigend eingelöst. Der ungebildete Kriminelle Zeki gewinnt im Laufe dieser Klassenfahrt nach Thailand nochmals eine stärkere Überzeugung als bisher, dass seine Zukunft darin liegt, Lehrer zu sein, für seine Schüler da zu sein, die ihn sichtlich brauchen. Dadurch wird er auch Lisi wieder deutlich positiver begegnen können, die aufgrund eines Streiches nicht mitfahren konnte.

Dem deutschen Kino fehlen nicht nur ähnlich wirkungsvolle Erfolge wie in diesem Fall, sondern vor allem Fortsetzungen davon. Insofern ist es für alle Filmschaffenden hierzulande von Vorteil, wenn ein dermaßen ähnlich wirkungsstarkes Sequel gelingt, welches mit vielen notwendigen Änderungen dennoch zu vergleichbaren emotionalen Bewegungen und Wirkungen findet. Über Geschmack lässt sich auch in diesem Fall sicherlich streiten, über die positiven Folgen des Gelingens für die Filmbranche insgesamt wohl kaum.

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Norbert Maass

Norbert Maass studierte Politische Wissenschaft und Geschichte in Erlangen sowie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München. Daneben war er als Rundfunkjournalist tätig und arbeitete verantwortlich bei zahlreichen, auch internationalen Filmproduktionen mit. Seit 1998 ist er – bei Firmen wie Bavaria, Senator, Amberlon oder BoomtownMedia – im internationalen Filmrechtehandel aktiv. Seit 2004 berät er zudem zahlreiche Filmfirmen und Filmemacher in Bezug auf Projekteinschätzungen, Vermarktungspotential und Dramaturgie

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