Feuchtgebiete – Einschätzung von Norbert Maass


In Bezug auf das Marketing von Filmen wird oft von dem sogenannten Want-to-see-Effekt gesprochen. In Bezug auf die Verfilmung des kontroversen Bestseller Buches „Feuchtgebiete“ trifft das Gegenteil zu. Der Film ist reich an Szenen und Illustrationen, die für reinliche Hygieneliebhaber nur schwer erträglich sind und eher nicht gern gesehen werden wollen. Alle Körperflüssigkeiten werden nicht nur ausgesprochen, sondern auch ausgiebig gezeigt. Dabei werden auch für viele unappetitliche Kombinationen wie Pizza und Sperma oder Scheidensekret und Zunge oder dreckige Klobrillen und Lippen nicht ausgespart. Das sichert dem Spielfilm ein außerordentliches Alleinstellungsmerkmal auf der sinnlichen Reizebene. So wurden Maden, Würmer, Bakterien, Körpersäfte, Geschlechtsteile, Intimrasuren, Hämorrhoiden oder Analfantasien im breitenwirksamen deutschen Mainstreamkino bisher nicht gezeigt. Der Film stellt also zunächst mal eine visuell einzigartige Herausforderung dar, die selbst in sexualisierten Zeiten und leicht zugänglichen Pornos aller Art im Internet für Aufsehen sorgt.

Zudem liefert „Feuchtgebiete“ nach „Oh Boy“ erneut ein anschauliches Beispiel dafür, was character-driven im filmischen Erzählen bedeuten kann. HELEN (Carla Juri) liefert mit ihrer Haltung zu Körper, Sex und Hygiene eine drastische Alternative zu den meisten anderen Menschen. Sie ist fest davon überzeugt, dass jemand, der sich vor den menschlichen Ausscheidungen ekelt, es mit dem Sex gleich lassen kann. So quer ihre Auffassung zu vielen Zuschauern liegt, so wirkungsvoll ist sie gleichzeitig für den Film und steht entsprechend konsequent im Zentrum. Ähnlich wie bei einem Film wie „Der freie Wille“ besteht somit ein wirksamer Kontrast zwischen der Haltung der unangefochtenen Protagonistin und der Publikumsmehrheit. Im Laufe des Films ist dabei durchaus Raum für eine Verringerung dieser Kluft, denn der reizvolle Charme der Inszenierung wie der Darstellung, aber vor allem das überzeugende Commitment bei der neugierigen Erforschung ihres Körpers können zunehmend für Helen einnehmen.

Feuchtgebiete SzenenbildDer Plot spielt dagegen eine untergeordnete Rolle. Die zahlreichen Rückblenden dienen vor allem dazu, dem Zuschauer näher zu verdeutlichen, wie Helen durch die überpenible MUTTER (Meret Becker) zu ihrer Haltung gekommen ist und diese gleichzeitig in weiteren Facetten zu zeigen. Dramatische Fragestellungen, die für Spannung und Wunschentwicklung sorgen könnten, sind lange nicht erkennbar. Erst nach dem relativ späten auslösendem Moment, als sich Helen bei einer Intimrasur eine heftig blutende Analfissur zufügt und ins Krankenhaus muss, ergibt sich eine ansteigende Dynamik auch auf anderen Beziehungsebenen als der bis dahin zentralen zwischen Helen und ihrem Körper. So versucht sie, ihre Mutter wieder mit ihrem VATER (Axel Milberg) zusammen zu bringen, in dem sie sich beide an ihrem Krankenbett begegnen und versöhnen sollen. Die durch dieses vergebliche Vorhaben ausgelöste Spannung bleibt jedoch gering.

Feuchtgebiete SzenenbildSchon spürbarer wird eine zwischenmenschliche Spannung im Verhältnis zu ihrem Krankenpfleger ROBIN (Christoph Letkowski) ausgelöst, da es sich bei ihm auch um eine Figur handelt, die unvermittelt mit Helens radikaler Haltung und ihrem provokanten Verhalten konfrontiert wird. Ihre anziehende wie auch abstoßende Wirkung auf ihn wird durchaus deutlich. Eine Wunschentwicklung in die Richtung, dass die beiden zusammen kommen mögen, wird allerdings nur in Ansätzen erzeugt. Dafür fehlt die klar nachvollziehbare Entscheidung zwischen seiner kreuzbraven Exfreundin VALERIE (Peri Baumeister) – in deren Arme ihn die Provokationen mitunter zurücktreiben – und der völlig Entgegengesetzten Helen, die ihn zwar sichtlich fasziniert, die ihm aber nicht nur gut zu tun scheint und der er umgekehrt kaum etwas Faszinierendes entgegen zu setzen hat. Ähnlich wie die Beziehung zu ihrer besten Freundin CORINNA (Marlen Kruse) wirkt auch diese insgesamt ungleichgewichtig und funktioniert eher wie eine Einbahnstraße. Echtes spürbares Mitgefühl für die Menschen um sich herum bringt Helen kaum auf, was es auch dem Publikum erschwert, emotional intensiver auf die Hauptfigur einzugehen. Was ihre Eltern, Robin oder Corinna wirklich wollen, scheint Helen kaum zu interessieren. Deshalb behält auch die Beziehung zu Robin den Charakter eines Missverständnisses. Als ihre beste Freundin ein Baby bekommt, wendet sie sich abrupt ab, weil sie mit Kindern nichts anfangen kann.

Feuchtgebiete Carla JuriEine intensive Dynamik über sich und ihren Körper sowie ihre gleich bleibende Haltung hinaus kann Helen auf der zwischenmenschlichen Ebene nur in Ansätzen entwickeln. Dafür ist sie sich ihrer Sache zu sicher und gerät kaum in soziale Not. Ein echtes Problem oder Dilemma entsteht während der bestimmenden Krankenhauszeit für sie nicht, weshalb sie sich auch nicht ändern muss. In einem entscheidenden Moment will sie noch nicht entlassen werden und fügt sich jetzt absichtlich eine schwere Analverletzung zu, was für einen schmerzhaften und intensiven Ausschlag sorgt, aber auch dieses traumatische Ereignis bleibt im wesentlichen folgenlos für Helen. Stattdessen kommt zunehmend eine unverarbeitete emotionale Belastung aus der Vergangenheit in ihr Bewusstsein zurück. Als sie jünger war, wurde sie von einem gescheiterten Selbstmordversuch ihrer Mutter zusammen mit ihrem Bruder ausgeschlossen, was sie verletzt hat. Für eine starke emotionale Sogwirkung kann aber auch dieses ernsthafte Thema gegen Ende nicht mehr sorgen.

Somit bleibt „Feuchtgebiete“ auf der sinnlichen Reizebene herausfordernd, einfallsreich, gewagt und einzigartig, schafft es aber nicht, eine annähernd starke emotionale Wirkung oder dramatische Spannung aufzubauen und durchzuhalten. Die Hauptfigur kann ihrer spannungsreichen Haltung treu bleiben, weil sich in der Handlung und in den Nebenfiguren keine wirksame Gegenkraft entwickelt, und muss sich somit auch nicht wandeln. In eine richtige innere oder äußere Notlage wird Helen auch im Krankenhaus kaum gebracht, so dass sich kaum größeres Mitgefühl, dynamische zwischenmenschliche Spannung und stärkere emotionale Ausschläge ergeben. Während die sexuellen Aspekte der Vorlage eher über Erwarten visuell reizvoll umgesetzt werden, bleiben die emotionalen Wirkungsebenen deutlich unter den schon im Buch unterentwickelten Möglichkeiten. Die einzigartigen und enorm kreativ gestalteten Schauwerte konkurrieren also am Ende mit emotionalen Defiziten – was für den Marktauftritt des Films nur mittlere Zahlen erwarten lässt.

[divider]

The following two tabs change content below.

Norbert Maass

Norbert Maass studierte Politische Wissenschaft und Geschichte in Erlangen sowie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München. Daneben war er als Rundfunkjournalist tätig und arbeitete verantwortlich bei zahlreichen, auch internationalen Filmproduktionen mit. Seit 1998 ist er – bei Firmen wie Bavaria, Senator, Amberlon oder BoomtownMedia – im internationalen Filmrechtehandel aktiv. Seit 2004 berät er zudem zahlreiche Filmfirmen und Filmemacher in Bezug auf Projekteinschätzungen, Vermarktungspotential und Dramaturgie

Neueste Artikel von Norbert Maass (alle ansehen)

Ihre Meinung