Genrenale2 – Das blutige Haupt des Bären

Horror, Science-Fiction, Action, Fantasy und Film Noir: Fehlt dem hiesigen Kino die Vielfalt? Die zweite Genrenale beantwortete diese Frage eindeutig und widmete sich parallel zur Berlinale dem hierzulande oftmals belächelten und übergangenen Genrefilm. Ein wichtiges Plädoyer für die Zukunft des Deutschen Films.

Von Jens Mayer

Ihre Methoden, diesen Berlinale-Bären zu zerlegen sind fantasievoll und mannigfaltig. Am Ende bleibt immer nur sein bluttriefendes Haupt zurück – die Trophäe des Jägers. Ganz so radikal, wie es die amüsanten Animationen rund um die Genrenale2 mit ihrem Slogan „No more Drama“ postulieren, meinen es die Veranstalter Paul Andexel und Krystof Zlatnik nicht, sie setzen eher auf den Effekt und die Sympathiewirkung beim Publikum. Womit wir auch schon mitten im Thema wären, denn damit tun sie es den von ihnen präsentierten Filmen gleich.

Das aus der Bewegung „Neuer Deutscher Genrefilm“ entstandene Festival, widmet sich den Genrearten, „die sowohl im deutschen Fernsehen als auch im Kinofilm zu kurz kommen oder schlicht nicht stattfinden“. Demnach haben hier Krimis und (Beziehungs-)Komödien keine Chance, und während sich die Kritiker und Besucher der parallel laufenden Berlinale intellektuell an den internationalen Produktionen des  Arthousekinos ergötzen können, sieht das junge Publikum der Genrenale Produktionen aus den Bereichen „Action, Science-Fiction, Fantasy, Horror, Thriller, Film Noir oder Mystery“ – und zwar ausschließlich aus dem deutschsprachigen Raum.

GENRENALE Animation Trailer from Mike Bothe on Vimeo.

Eines wird bereits im Trailer zur Veranstaltung deutlich: Die überwiegend jungen Filmemacher setzen auf starke und ausdrucksstarke Bilder, beweisen dabei durch die Bank einen wohltuenden Sinn für schwarzen Humor und ein Händchen dafür, in wenigen Minuten imposante Figuren zu gestalten. Natürlich setzen sie auf (meist blutige) Schauwerte, natürlich auf Action und Adrenalin, doch genau diese Lust an der Inszenierung und Überwältigung ist es schließlich, die das Kino erst lebendig macht – und die man in vielen aktuellen Produktionen vermisst.

Dabei würde der hiesigen Filmlandschaft eine Gegenbewegung so außerordentlich gut tun, die Filme der „Berliner Schule“ wandern schließlich mittlerweile ins Museum, da könnte man doch Freiraum im Kino erwarten. Die Initiatoren der Genrenale könnten ruhig noch ein bisschen lauter trommeln, ja, gerne auch provozieren und sich noch eindeutiger positionieren, vielleicht mit einem radikalen Manifest und medial-wirksamen Aktionen, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Aber weder befindet sich in ihren Reihen ein künstlerischer Selbstdarsteller im Sinne Lars von Triers, noch würde das so recht zum eher entspannt-unverkopften Zugang zu Film und Filmgeschichte passen, den die Gruppe pflegt.

Dass sich Producer Benjamin Munz (Rat Pack) und Regisseur Christian Alvart als Sprachrohre der Bewegung eignen, wird in der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Rückkehr zur dämonischen Leinwand – Hindernisse und Chancen des deutschen Genrefilms“ deutlich, die sich auf den Begriff beruft, den Filmkritikerin Lotte Eisner für ihre Beschreibung des expressionistischen Weimarer-Republik-Kinos benutzte. Dort diskutieren sie mit Moderator Mark Wachholz, Prof. Klaus Keil (Filmförderer a.D. und Hochschuldozent), dem Dramaturgen Norbert Maas und Zlatnik.

Munz, dessen „Found Footage“-Produktion Tape_13 (Regie: Axel Stein) tatsächlich einen Tag zuvor im Rahmen der Berlinale seine Premiere feierte, und der bald mit dem Insekten-Horrorfilm Stung unter der Regie von Benni Dietz nachlegt, erweist sich als unterhaltsamer und spitzzüngiger Provokateur. Alvart, der nach seinem Durchbruchsfilm Antikörper 2005 zuerst internationale Aufmerksamkeit erhalten hatte, bevor er auch hierzulande einen ähnliche Wertschätzung erfahren konnte, hat es durch seine Tatort-Produktionen mit Till Schweiger mittlerweile sogar zur Prime-Time auf die Fernsehbildschirme geschafft. Seine pragmatischen und häufig trocken-polemischen Ausführungen erhalten viel Beifall, auch, weil er aufgrund seiner Biographie ein glaubwürdiger Verfechter des Genrefilms ist, der sich trotz internationaler Angebote weiterhin in Deutschland engagiert.

Regisseur Till Kleinert  (rechts) beteiligt sich spontan an der Diskussionsrunde (Foto: Genrenale)

Regisseur Till Kleinert (rechts) beteiligt sich spontan an der Diskussionsrunde (Foto: Genrenale)

Weitere Würze kommt gegen Ende in die Diskussion, als sich nach einigen Seitenhieben in Richtung DFFB Gegenstimmen aus dem Publikum melden und sich schließlich Till Kleinert, Regisseur des viel beachteten Abschlussfilms Der Samurai (ebenfalls auf der Berlinale zu sehen) einschaltetet. Ein Eklat entwickelt sich aus dieser Situation keiner, man einigte sich schnell darauf, dass an der Filmhochschule Genrefilme nicht verhindert würden, machen müssten sie die Studenten aber von sich aus. Für Alvart, der auf seiner Homepage über sich selbst schreibt, nie eine Filmhochschule besucht zu haben sondern lieber drei mal täglich ins Kino gegangen sei, ohnehin eine Selbstverständlichkeit.

Das Festival im Berliner Babylon Mitte-Kino ist gut besucht, von einem Publikumsrenner kann man aber wohl noch nicht sprechen. Das mag auch an der übermächtigen etablierten Berlinale-Konkurrenz liegen, die sicher so manchen Filmfan und Medienschaffenden vom Besuch abgehalten haben mag. Aber es ist offensichtlich, dass die Genrenale der deutschen Filmkultur guttut, deren Auseinandersetzungen sich in den vergangenen Jahren überwiegend um Förderverfahren und die redaktionelle Einflussnahme von TV-Sendern drehten. Sie setzt dieser vom Diskurs und Bürokratie geprägten Debatte Farbe, Enthusiasmus und Originalität entgegen und gibt engagierten Filmschaffenden eine Plattform, die keine Lust darauf haben, sich unnötige künstlerische Grenzen setzen zu lassen.

www.genrenale.de // www.genrefilm.net

 

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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