Ingrid Bergman – Ein Leben

Ingrid Bergman


Filmbuch des Monats Mai9 2017:  Thilo Wydra: Ingrid Bergman. Ein Leben

Vor 75 Jahren hatte ihr bekanntester und berühmtester Film – CASABLANCA – Premiere, vor 35 Jahren ist sie in London gestorben: Ingrid Bergman (1915-1982) gilt noch immer als einer der großen internationalen Weltstars des Kinos. Thilo Wydra hat eine Biografie über sie publiziert, für die er erstmals Archiv- und Nachlassquellen nutzen durfte, die bisher nicht zugänglich waren. Wir erfahren viele bisher unbekannte Details über ihr Leben und die Arbeit an ihren Filmen. Es war ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Erfolgen und Misserfolgen. Wenn man das Buch gelesen hat, möchte man eine Retrospektive ihrer Filme sehen.

Sie ist die Tochter der Deutschen Friedel Adler und des schwedischen Fotografen Justus Bergman. Geboren in Stockholm. Ihre Mutter stirbt, als sie zwei Jahre alt ist, ihr Vater elf Jahre später. Ihre Kindheit und Jugend sind eine schwierige Zeit. Kurzfristig besucht sie eine Schauspielschule, wird dann ans Theater verpflichtet, spielt 1934 eine Nebenrolle in einem Film. INTERMEZZO (1936) in der Regie von Gustaf Molander wird ihr erster Erfolg, der auch in Hollywood bemerkt wird. 1938 ist sie die Hauptdarstellerin in dem Ufa-Film DIE VIER GESELLEN (Regie: Carl Froelich), dann holt sie David O. Selznick nach Amerika. Sie wird zum Star, dreht unter den Regisseuren Victor Fleming (2), Michael Curtiz, Sam Wood (2), Leo McCarey, George Cukor, Lewis Milestone und Alfred Hitchcock (3). Dann gibt es einen Bruch in der Karriere, als sie 1950 Mann und Kind verlässt und mit dem Regisseur Roberto Rossellini nach Italien geht. Ihre sechs gemeinsamen Filme sind keine Erfolge. Für ein Comeback sorgt Anatole Litvak mit dem Film ANASTASIA (1956), dafür erhält sie einen Oscar. In den 60er Jahren arbeitet sie in Europa und den USA, lebt in Florenz und Rom, London und New York. 1978 dreht sie mit Ingmar Bergman in Schweden den Film HERBSTSONATE. Ingrid Bergman stirbt in London an ihrem 67. Geburtstag.

Ingrid Bergman-BuchcoverThilo Wydra hat sich für diese Biografie viel Zeit genommen und eine große Chance genutzt: er durfte den Nachlass der Schauspielerin, der in der Wesleyan University in Middletown/ Connecticut verwahrt wird, auswerten. In diesem Nachlass befinden sich zahllose Briefwechsel von Ingrid Bergman mit ihren Familien, ihren Agentinnen und Agenten, mit Regisseuren, Produzenten, Freundinnen und Freunden. Zitate aus diesen Briefen bilden das Zentrum dieser Biografie, die uns durch die wechselreichen Stationen ihres Lebens führt und dabei so eng wie möglich an den Fakten bleibt, aber auch Blicke in den seelischen Zustand der Protagonistin erlaubt. Widersprüche zu den Aussagen in Ingrid Bergmans Autobiografie aus dem Jahr 1980 (geschrieben zusammen mit Alan Burgess) werden zur Sprache gebracht. Der Materialreichtum führt gelegentlich auch zu Redundanzen, die man aber als Leser schnell überspringen kann. Der Autor hat außerdem mit den drei Töchtern (Pia, Isabella und Ingrid Isotta), mit Rossellinis Sohn Renzo, mit dem Produzenten-Sohn Daniel Selznick und mit vielen anderen Zeitzeugen Gespräche geführt, die in das Buch eingeflossen sind. Es gibt insgesamt 841 Quellenverweise, die aber die Lektüre nicht störend beeinträchtigen. Die Abbildungen sind klug verteilt und haben eine akzeptable Qualität. (Wer mehr an Bildern interessiert ist, hat ja vor vier Jahren die Ingrid Bergman-Bildbiografie von Isabella Rossellini und Lothar Schirmer erworben, die mein Buch des Monats Oktober 2013 war: ilmbuecher/ingrid-bergman/ )

Thilo Wydra (*1968) hat Bücher über Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, über Romy Schneider und Alfred Hitchcock geschrieben und vor fünf Jahren eine beeindruckende Biografie von Grace Kelly. Mit dieser Biografie von Ingrid Bergman ist ihm etwas Besonderes gelungen: zu einem Star auch emotional Zugang zu bekommen, die Lebensentscheidungen zu verstehen und ihren vielen Filmen eine zweite Ebene hinzuzufügen: die subjektive von Ingrid Bergman. Meine persönlichen Lieblingskapitel sind „Vorkriegserfahrungen: Ein UFA-Film in Berlin“ (S. 97-117), „Casablanca (1942)“ (S. 171-189), „Ingrid – Blondine des ‚Master of Suspence’ Alfred Hitchcock“ (S. 211-291) und „Letzte Rückkehr in die Heimat“ (S. 591-616).

Aber auch die anderen Kapitel sind spannend: „Kindheit und Jugend in Stockholm und Hamburg“, „Schweden“, „Hollywood I“, „Die Lebensrolle“ (das ist JOAN OF ARC), „Zwischen den Welten“, „Roberto Rossellini: Amour fou“, „Hollywood II“, „Die Zeit der Übergänge und der dritte Oscar“, „’Und auch am Ende meines Lebens bin ich da und bereit’“. Es gibt einen Vorspann des Autors, „Die vielen Leben der Ingrid B.“, und einen Abspann: „Die Eindeutigkeit der Ingrid B.“.

Der Anhang enthält eine Zeittafel, eine vorbildlich recherchierte Filmographie von Hans-Michael Bock, eine Bibliographie, ein Personen- und ein Filmtitelregister.

Ingrid Bergman: Ein Leben


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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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