Inside Llewyn Davis – Ewiges Künstlerpech

Das Künstleruniversum in der Nussschale: Was Joel und Ethan Coen in ihrem neuen Film erzählen ist nicht neu – aber immer anders.

Von Jens Mayer

Es gibt kein Entkommen. Am Ende von Barton Fink (1991, Regie und Buch: Joel & Ethan Coen) sitzt der Protagonist (John Turturro) am Strand und blickt aufs Meer. Ein Paket neben ihm ist alles, was dem Hollywoodautoren geblieben ist. Darin könnte der Kopf seiner Geliebten sein, die nach einer leidenschaftlichen Nacht auf einmal grauenvoll ermordet neben ihm lag. Die Vermutung liegt jedenfalls nahe, erfahren werden wir es wohl nie. Symbolisch ist es jedoch ganz sicher sein eigener Kopf, den er in dieser Box mit sich herumträgt. Der Broadway-Dramatiker hat sich von den Hollywoodstudios nach Los Angeles locken lassen, um dort im „Legehennen“-Studiosystem ein Drehbuch für einen banalen Catcher-Film zu schreiben. Clifford Odets, William Faulkner und Bertolt Brecht mussten ganz ähnliche Schicksale erleben.

Fink wäre nicht Fink, wenn er nicht voller Selbstüberschätzung daran glauben würde das Kino neu erfinden zu können – das Kino des „kleinen Mannes“. Schade nur, dass ihm in dieser Kammer seines verfallenen Hotels, in dem die Tapeten vor lauter schwüler Hitze von den Wänden blättern nicht mehr einfällt als die phrasenhafte Eröffnungszeile. Am Ende seiner wahnwitzigen inneren Odyssee hat er zwar dann doch irgendwie ein Drehbuch abgeliefert, aber die Stimmung in Hollywood hat sich verändert. Es ist Dezember 1941, die USA haben Nazideutschland den Krieg erklärt. Nichts, was er jetzt oder in Zukunft schreibe werde jemals veröffentlicht werden, verspricht ihm der cholerische Studioboss (Michael Lerner) in Uniform, doch Fink müsse seinen Vertrag dennoch erfüllen. Damit bleibt alles, was er schreiben wird Eigentum des Filmunternehmens. Es gibt kein Entkommen.

In den Niederungen der Kulturindustrie

INSIDE LLEWYN DAVIS

Unverstandener Künstler: Llewyn Davis (Foto: Studiokanal)

Knapp zwanzig Jahre später liegt Llewyn Davis (Oscar Isaac) verprügelt in einer dunklen Gasse auf den nassen Straßen des New Yorker Künstlerviertels Greenwich Village. Auch der Folksänger hat sich in die Niederungen der Kulturindustrie begeben, seine Platte verspricht ähnliche Einblicke wie die Box von Barton Fink – sie heißt Inside Llewyn Davis. Und wenn man Davis so beobachtet, kann man verstehen, warum so wenige an diesem Einblick interessiert sind. Er ist nämlich ein ähnlich arrogantes Arschloch wie Fink, ja könnte glatt als dessen Sohn durchgehen, auch wenn er keine salbungsvollen Reden hält wie sein virtueller Vater. Dafür schnorrt er sich selbstgerecht und selbstverständlich bei seinen Künstlerfreunden und Bekannten durch, schwängert die Frau (Carey Mulligan) eines seiner besten Freunde (Justin Timberlake) und will mit dem Geld, das er ausgerechnet mit dessen Hilfe verdient hat die Abtreibung bezahlen.

Doch Davis schafft mit seiner Musik etwas, das Fink wohl niemals gelingen würde: er berührt. Er kann sich noch so unmöglich und asozial verhalten und äußern – wie auf Knopfdruck intoniert er die traditionellen Folksongs (erneut arrangiert von T-Bone Burnett, dieses Mal zusammen mit dem Sänger von Mumford And Sons) so überzeugend und wahrhaftig, dass man einfach an eine gute Seele glauben muss, die irgendwo in diesem schlaffen und selbstgerechten Typen schlummert. Doch genau die hängt fest, dreht sich im Kreis, die Bewegung im Leben des Sängers wird eigentlich nur simuliert; in der Subway, im Auto, in den absurd engen Fluren der Wohnhäuser oder in den Straßen, wenn er wieder einmal die Katze einfangen muss, für die er sich ausnahmsweise verantwortlich fühlt (Wenn man will, kann man dieses Bild als besonders schönen Kommentar zur aktuellen Hollywood-Script-Bibel Save The Cat verstehen). Gewohnt schelmisch erzählen die Filmemacher: „Wir haben an eine Odyssee gedacht, bei der der Protagonist nirgendwo hingeht.“

Die glücklicheren Menschen verlassen den Hafen

INSIDE LLEWYN DAVIS

Save the cat! (Foto: Studiokanal)

War bei Barton Fink das alte Hotel eine Metapher für den Kopf des Titelhelden, lassen die Orte und Plätze New Yorks Inside Llewyn Davis zur ewigen Wiederkehr des Immergleichen werden. Häuserflure, nächtliche Autofahrten mit schrägen Charakteren, uralte Liftboys in ebenso alten Aufzügen, mächtige Männer hinter Schreibtischen – auch die Zuschauer haben all das schon gesehen, nämlich in den Filmen der Coens. Wie in Barton Fink könnte das Meer auch zwölf Jahre später die verheißungsvolle Rettung bringen; die Seemänner der Gegenentwurf zur rastlos-hadernden Hauptfigur – die glücklicheren Menschen verlassen den Hafen und erleben neue Abenteuer. Mit einem simplen dramaturgischen Handgriff schaffen es Joel und Ethan Coen am Ende die ewige Kreisfahrt ihres Protagonisten zu veranschaulichen und auf diese Weise Barton Finks Künstlerschicksal in dem von Llewyn Davis zu reflektieren. Wir kennen die Botschaft bereits: Es gibt kein Entkommen.

Trotzdem ist der Ton von Inside Llewin Davis ein gänzlich anderer als der seines indirekten Vorgängers. Die Filmemacher sind mittlerweile freundlicher, geradezu gnädig im Umgang mit ihren Figuren geworden. Inside Llewin Davis wirkt keineswegs so künstlerisch angestrengt, sondern gibt sich pragmatischer, flüchtiger und auch der Coen-typische Humor ist nicht mehr zynisch-schwarz, sondern eher herzlich-schwarz. Vielleicht liegt es an der Erfahrung und all den Erfolgen der letzten zwei Jahrzehnte oder daran, dass sie das Thema „Musik“ einfach unangestrengter angehen konnten als an das Sujekt „Film“ (wahrscheinlich ist es doch einfach die Katze), jedenfalls suchen sie hier nicht nach den großen, ikonenhaften Bildern und Symbolen. Dafür legen sie dem Protagonisten netterweise gleich auch ihr eigenes Credo für’s Geschichtenerzählen in den Mund: „It was never new and it gets never old“.

Inside Llewyn Davis startet am 5. Dezember 2013 in den deutschen Kinos.

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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