Jahrhundertfrauen



Bisweilen begegnen wir Filmen, die uns die Begrenztheit der standardisierten dramaturgischen Regelwerke lustvoll vor Augen führen. War 2016 „L’Avenir“ („Alles was kommt“) ein Fall, wo sich alle Erwartungen ans konventionelle Storytelling nicht einlösen wollten, und dennoch ein überzeugender Film entstand, so wird man jetzt in „Jahrhundertfrauen“ vergeblich auf Plot Points, Akt-Strukturen, ja überhaupt auf eine Handlung im eigentlichen Sinn warten. Die Rezeptur von Drehbuchratgebern wie etwa „Safe the Cat“ ist hier so weit entfernt wie nur möglich.

Die konkrete Benennung des eigentlichen Grundthemas fällt auf den ersten Blick nicht leicht. Obwohl von der ersten Sekunde an klar ist, dass hier ‚etwas nicht stimmt’, und bis zur letzten Szene eine gewisse Spannung im Raum liegt, sind offene Brüche, Streits, Konflikte kaum zu erkennen. Vielmehr führt uns die Machart des Films selbst auf die Spur der eigentlichen Erzählabsicht: Die Umsetzung gibt sich viel Mühe, das szenische Geschehen in den Fluss der Geschichte einzuordnen – mit Buch-Zitaten, Text-Einblendungen, Jahreszahlen, und vor allem mit inneren Kommentaren der Figuren, die ihre eigene Biografie aus zeitlicher Distanz reflektieren. Damit wird gleichsam der Zeitgeist selbst thematisiert. In der Tat: „Jahrhundertfrauen“ wird wohl am besten verstanden als ein Film über das Vergehen von Zeit – und die Differenz zu dem Bild, das wir uns von ihr machen.

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Auch zwischen JAMIE (Lucas Jade Zumann) und JULIE (Elle Fanning) liegt eine sexuelle Spannung, die erwarten lässt, dass ‚es’ irgendwann passiert. Aber das ist ebenso wenig der Fall wie die prinzipiell ebenso wahrscheinliche Entjungferung des Heranwachsenden durch die feministische Künstlerin ABBIE (Greta Gerwig). Und selbst deren von den Ärzten prognostizierte Unfruchtbarkeit wird am Ende widerlegt: ausgerechnet sie wird Mutter von zwei Kindern. Der Nachspann klärt uns auf, dass alles anders kam. Darin ist der Film konsequent.

Der Autor gibt nicht vor, zu verstehen, wie das Leben verläuft, und widersteht der Versuchen, es dramaturgisch zu ordnen. Die winzigen Veränderungen im sozialen Netz werden zwar genau registriert, aber nie zu ‚Wendepunkten’ verdichtet. Dafür aber schlägt das Leben mitunter ganz andere Wege ein, die zwar vielleicht großartiger, nur eben unerwartet sind.

Alles, was im Normalfall von findigen Autoren zugespitzt und gesteigert worden wäre, bleibt hier in der Schwebe. Und gerade darin erkennen wir Zuschauer eine tiefere Wahrheit: das Dasein konfrontiert uns selten mit dem Erwarteten, und schon gar nicht mit dem Gewünschten. Aber die unerwarteten Ergebnisse sind dafür oft die emotional tieferen.

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Annette Bening, Lucas Jade Zumann

Dass der Film dennoch seine Spannung nicht verliert, liegt am ‚human factor’ eines Gemeinschaftsgefühls, das von Beginn an hoch ist, und bis zum Ende sogar noch wächst. „Jahrhundertfrauen“ bringt uns beständig mit dem Innenleben der Figuren in Verbindung, indem BEZIEHUNGEN erzählt werden. Die Intensität nimmt unablässig zu. Dorothea, ihr Sohn und ihre seltsamen Untermieter und Mitbewohner führen uns in eine Welt der beständigen erotischen Spannung, eines nie nachlassenden Begehrens, eines Hungers auf etwas Ungreifbares, was nie kommt. Jede Figur lebt mit einem Mangel, einer Sehnsucht, und im ständigen Zusammenleben, im Teilen und Austausch potenziert sich dieses Gefühl und überträgt sich aufs Publikum. Dieser Mangel kompensiert die mögliche Erfüllung durch Plot-Points oder Payoffs.

Die meisten Filme lassen sich auf solch subtile Spiele nicht ein. Sie vertrauen lieber auf die Macht konventioneller dramaturgischer Regeln. „Jahrhundertfrauen“ ist ein gutes Argument dafür, dass es jederzeit möglich ist, diese zu brechen. Allerdings nur innerhalb der Grenzen des ‚human factors’. Wir sind als Zuschauer gern bereit, den grundlegenden Konflikt nicht auf der Leinwand, sondern in uns selbst auszuleben. Aber er sollte etwas mit der sozialen Wirklichkeit des Zusammenlebens zu tun haben. Indem dies hier der Fall ist, stehen die Chancen auf eine positive Reaktion bei einem reifen, erwachsenen Publikum nicht schlecht. Der Film dürfte in etwa die Zahlen erreichen, die auch „L’avenir“ hatte.

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Roland Zag arbeitet in München als Drehbuchberater und Dramaturg. Seine bisherige Arbeit umfasst die dramaturgische Analyse von über 100 Filmen im deutschsprachigen Raum. Zugleich veröffentlicht er laufend aktuelle Marktprognosen unter blog.the-human-factor.de. Er war Berater erfolgreicher Kinofilme wie »Wüstenblume«, »Goethe!« oder »Die Fremde«.

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