Kafka geht ins Kino

Kafka geht ins Kino-Buchcover


Filmbuch des Monats April 2017:  Hanns Zischler: Kafka geht ins Kino

Als das Buch 1996 im Rowohlt Verlag erschien, war es mein Filmbuch des Jahres. Hanns Zischler hatte sich auf eine Spurensuche begeben, um speziell die Kinobesuche von Franz Kafka in Prag, Paris, München, Verona und bei anderen Reisen aus Briefen und Tagebüchern zu rekon-struieren. Seine Recherchen führten zu beeindruckenden Ergebnissen. Jetzt ist das Buch, stark überarbeitet, in einer Neuauflage erschienen, und eine beigefügte DVD enthält sechs Filme, die Kafka einstmals gesehen hat und die ihn zum Weinen oder zum Lachen gebracht haben.

1976.Haette-ich-das-KinoDie Schriftsteller und das Kino – das war ein spannendes Thema vor allem zu Zeiten des Stumm-films, als der Film langsam zu einer Konkurrenz der Literatur wurde. 1976 gab es eine legendäre Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum in Marbach, die unter dem Titel „Hätte ich das Kino!“ Dokumente zahlreicher Autoren präsentierte: Max Brod, Alfred Döblin, Walter Hasenclever, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Georg Kaiser, Kurt Pinthus, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, Carl Zuckmayer – und natürlich auch Franz Kafka. Der Katalog, herausgegeben von Ludwig Greve, Margot Pehle und Heidi Westhoff, ist eine Fundgrube für Literatur- und Filmhistoriker.

1996.Kafka_1976 begann Hanns Zischler (*1947) – damals vor allem als Schauspieler in Filmen von Wim Wenders bekannt – mit seinen Recherchen zu den Kinobesuchen von Franz Kafka. Ein erster Aufsatz erschien 1983 in der Zeitschrift Freibeuter, 13 Jahre später wurde daraus die Erstausgabe von „Kafka geht ins Kino“. Natürlich kannten viele die vier Worte „Im Kino gewesen. Geweint.“ Aber nur wenige wussten von den Film-Obsessionen des Autors. In der Kafka-Forschung hatten sie nie eine große Rolle gespielt. Und da es in den Filmarchiven erhebliche Lücken gerade für die 1910er Jahre gibt, die bei Kafka eine zentrale Bedeutung haben, musste intensiv geforscht werden, um über Anzeigen, Rezensionen, Zensurkarten und andere Primärquellen den von Kafka genannten Filmen auf die Spur zu kommen, zumal sie in seinen Texten oft ohne präzise Titel notiert sind.

2017.Kafka-geht-ins-KinoViele der Filme hat er auf Reisen nach Italien, Frankreich, Deutschland, Dänemark gesehen. Oft war er in Begleitung seines Freundes, der Autors Max Brod. In der Bewertung der Filme haben sie nicht immer übereingestimmt. Neben dem Kinofilm geht es auch um Bildphänomene wie das „Kaiser-Panorama“ und die Aviatik der Flugschau in Brescia. Eine wichtige Empfängerin seiner Briefe ist seine Verlobte Felice, der er in wechselnden Stimmungen während seiner Reisen Erlebnisse und Impressionen vermittelt, wozu auch Kinobesuche gehören. Eine große Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Filme DIE WEISSE SKLAVIN (1910) mit Ellen Diedrich und DER ANDERE (1913) mit Albert Bassermann.

Für die Neuausgabe hat Hanns Zischler seinen Text gründlich überarbeitet, neue Bilddokumente hinzugefügt und von Materialfunden und Restaurierungsarbeiten der Filmarchive profitiert. Dies hat sich auf seine genaueren Beschreibungen ausgewirkt und zu einer Beigabe geführt, die jetzt das Buch ergänzt: eine DVD mit insgesamt fast 150 Minuten Filmmaterial. Damit gewinnt die Lektüre eine neue Anschaulichkeit, denn es ist natürlich ein großer Gewinn, zumindest einige der von Kafka gesehenen Filme nicht nur auf Fotos, sondern als Bewegtbild ansehen zu können.

Dies sind die Filme auf der DVD: STRASSENBAHNFAHRT DURCH PRAG von Jan Kříženecký (Tschechei 1908, 2 Minuten), ERSTER INTERNATIONALER WETTBEWERB FÜR LUFTSCHIFFE UND FLUGMASCHINEN, BRESCIA von Adolfo Croce (Italien 1909, 13 Minuten), NICK WINTER UND DER DIEBSTAHL DER MONA LISA von Paul Garbagni (Frankreich 1911, 10 Minuten), DIE WEISSE SKLAVIN von August Blom (Dänemark 1911, 46 Minuten), PESCHIERA von Arturo Ambrosio (Italien 1913, 5 Minuten) und RÜCKKEHR NACH ZION von Ya’acov Ben-Doc (Palästina 1921, 74 Minuten). Die Filme wurden vom Filmmuseum München aufwendig restauriert und werden demnächst auch in der „Edition Filmmuseum“ publiziert.

Es ist durchaus anregend, die Erstausgabe von Zischlers Buch noch einmal in die Hand zu nehmen und die Texte hier und da zu vergleichen. Eine Rezension von Ralph Eue aus der Süddeutschen Zeitung über die Erstausgabe habe ich als Würdigung der Publikation als „Filmbuch des Monats“ zitiert. Hier kann man den Text lesen!

Hanns Zischler ist nicht nur ein großer Darsteller, sondern auch ein ernstzunehmender Autor. Seine jüngsten Bücher – „Berlin ist zu groß für Berlin“ (2013) und „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“ (2014) – wurden ebenfalls von Galiani verlegt.

Die Neuausgabe des Buches „Kafka geht ins Kino“ ist mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes erschienen. Ein Grußwort stammt von Hortensia Völkers und Alexander Fahrenholz.

Kafka geht ins Kino


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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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