Kinderleben im Schleudergang

Die polnische Filmemacherin Anna Zamecka erhält den Dokumentarfilmpreis der SOS-Kinderdörfer weltweit 2017. Zameckas Film „Komunia“ erzählt den alltäglichen Kampf der vierzehnjährigen Ola um ihre dysfunktionale Familie in Polen. Sie ist für ihren behinderten Bruder Mutter, Vater und Schwester zugleich. Der Preis wird im Rahmen des 32. Internationalen Dokumentarfilmfestivals München (DOK.fest) am 13. Mai verliehen.

Zamecka beobachtet das Leben des Teenagers Ola. Ihre kleine Welt besteht aus einer abwesenden Mutter, dem trinkenden Vater und der Erziehung ihres autistischen Bruders Nikodem. Mit der anstehenden Erstkommunion des Bruders steht nun auch noch das zentrale Ereignis im römisch-katholischen Polen kurz bevor. Olas Leben ist eine Achterbahnfahrt zwischen permanenter Überforderung und gewissenhafter Verantwortung. Sie ist gleichzeitig Opfer ihrer zwangsläufig früh entwickelten Eigenständigkeit und Heldin des Familienalltags.

„Anna Zamecka gelingt ein außerordentlicher Film, der einerseits von der Nähe und Zuneigung zu der Protagonistin lebt und anderseits den Mut hat, auch das mögliche Scheitern des Mädchens zu skizzieren“, urteilte die Jury über den Film. „Die Familie drängt sich auf engstem Raum. Die Waschmaschine, die im Schleudergang alles zum Wackeln bringt, wird nach und nach zur Metapher für Olas Leben. Der Filmemacherin gelingt mit Hilfe einer beobachtenden, fast unsichtbar wirkenden Kameraarbeit ein zutiefst berührendes Porträt, das uns den nicht selbstverständlichen Wert von Familie bewusst macht. Familie, die Bindung ermöglicht und Halt gibt.“

Die Jury war unter anderem besetzt mit Prof. Dr. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, Hans Demmel, Geschäftsführer n-tv und VPRT-Verbandschef, Jutta Krug, beim WDR verantwortlich für Kino-Dokumentarfilm, und Doris Hepp, beim ZDF zuständig für den kreativen Dokumentarfilm und Themenabende.

„Dieser Film ist ein wunderbares Beispiel für die vielen Kinder in dieser Welt, die aufgrund der gesellschaftlichen und familiären Zwänge zwischen Schattendasein und Parentifizierung zermürbt werden und dennoch die Kraft besitzen, ihre Familie zumindest teilweise zusammenzuhalten“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der SOS-Kinderdörfer, Dr. Wilfried Vyslozil. „Es ist ein dringender Appell, nie aufzuhören, Kindern auf ihrem Lebensweg zur Seite zu stehen.“

Der Dokumentarfilmpreis der SOS-Kinderdörfer weltweit (München) wird zum vierten Mal verliehen. Er ist mit 3000 Euro dotiert und wird von B.O.A. Videofilmkunst, München, gestiftet. Im vergangenen Jahr hatte die iranische Filmemacherin Rokhsareh Ghaem Maghami mit ihrem Film „Sonita“ über Kinderheirat die Auszeichnung erhalten.

„Komunia“ läuft im Rahmen des DOK.fest-Programms in München und wird zusätzlich am 14. Mai im Münchner Museum Fünf Kontinente im Rahmen eines Screenings der Öffentlichkeit präsentiert.

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