Kino und Kindheit

Kino und Kindheit


Filmbuch des Monats Juni 2017: Bettina Henzler/Winfried Pauleit (Hg.): Kino und Kindheit. Figur – Perspektive – Regie
Die Bezüge von Kindheit und Kino sind vielfältig. Man kann mit den eigenen Erinnerungen beginnen und sie ins Allgemeine erweitern. Die Literatur zum Thema ist umfangreich. Ein neues Buch ist jetzt hinzugekommen: die Dokumentation des 21. Internationalen Bremer Symposiums zum Film, herausgegeben von Bettina Henzler und Winfried Pauleit, erschienen bei Bertz + Fischer.

Zu den Schlüsselerlebnissen meiner Kindheit gehören natürlich Kinobesuche. Es sind insbesondere Filme mit Kindern als Hauptfiguren, die mir in Erinnerung geblieben sind: ELEFANTEN-BOY und DAS DSCHUNGELBUCH mit Sabu, DER KLEINE ENGEL und FRÜHLING DES LEBENS mit Margaret O’Brien, TEUFELS­KERLE mit Mickey Rooney, DAS DOPPELTE LOTTCHEN mit Isa und Jutta Günther, DIE KINDER VON MARA MARA und DIE KLEINEN DETEKTIVE mit unbekannten Kinderdarstellern. Es gibt Szenen in diesen Filmen, die ich nie vergessen werde.

kinoundkindheit_buchcoverDie Texte in dem Buch „Kino und Kindheit“ vermitteln Erkenntnisse zu diesem Thema weniger aus pädagogischer oder psychologischer Perspektive, sondern mehr mit dem Blick auf die Ästhetik, Medialität und Kulturgeschichte. Sehr hilfreich ist der Einleitungsessay von Bettina Henzler (Bremen) über „Kino, Kindheit, Filmästhetik“, der uns in die frühe Filmgeschichte zurückführt, die vorliegende Forschungsliteratur aufarbeitet und den thematischen Bogen bis in die Gegenwart schlägt. Ihr konkretes Filmbeispiel ist der brasilianische Film MUTUM (2007) von Sandra Kogut, der bei uns den Titel SCHWARZER VOGEL, STILLES KIND hatte und von den Ängsten eines zehnjährigen Jungen in einem brasilianischen Dorf erzählt.

In den ersten vier Texten des Buches geht es um die „Figur des Kindes“. Karen Lury (Glasgow) beschäftigt sich mit der Inszenierung von Kinderfiguren, die sich nicht so leicht schauspielerisch disziplinieren lassen, sondern oft durch ihre körperliche Unruhe (Zappeln) für Authentizität sorgen. Michael Brodsky (Mainz) blickt zurück auf die Kinderdarstellung im sowjetischen Kino der Stalinzeit, die ideologisch nur schwer zu beeinflussen war. Christian Bonah und Joel Danet (Strasbourg) untersuchen die Darstellung von Kindern im medizinischen Dokumentarfilm zwischen 1945 und 1965. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Dokumentarfilm BLIND KIND (1964) von Johan van der Keuken. Christian Stewen (Bochum) misst Zeitlichkeit und narrative Struktur des Animationsfilms THE LION KING (1994) und entdeckt dabei Momente der Zeitvergessenheit im Spiel der Kinderfiguren.

Der zweite Teil widmet sich in vier Texten dem Thema Kindheit als Perspektive und Zuschauererfahrung. Vicky Lebeau (Sussex) befasst sich mit den Blickstrukturen in Michael Hanekes frühem Film DER SIEBENTE KONTINENT (1989), die eine Instabilität der Figuren vermitteln. Daniel Wiegand (Stockholm) konfrontiert den Film VISAGES D’ENFANT (1923) von Jacques Feyder mit Erkenntnissen des Filmtheoretikers Béla Balázs („Die Kinder sehen die Welt in Großaufnahme.“). Alejandro Bachmann (Wien) reflektiert über drei Filme, die Vorstellungen von einer Utopie der Moderne vermitteln: LITTLE FUGITIVE (1953) von Ray Ashley, Morris Engel und Ruth Orkin, DER SONNE NACH (1961) von Michail Kalik und ZAZIE DANS LE MÉTRO (1960) von Louis Malle. Der Experimentalfilm SCENES FROM UNDER CHILDHOOD (1967-70) von Stan Brakhage wird von Stefanie Schlüter (Berlin) analysiert.

Im dritten Teil geht es um die Rolle der Kindheit im Produktionsprozess. Alain Bergala (Paris) entdeckt in Jean-Luc Godards PIERROT LE FOU (1965) Kindheitselemente, auch wenn keine Kinderfiguren zu sehen sind. Der Filmemacher Matthias Müller (Köln) problematisiert das Filmen von Kindern aus eigener Erfahrung und mit verschiedenen Beispielen, weil sie meist ohne freien Willen vor der Kamera agieren. Alexandra Schneider (Mainz) und Wanda Strauven (Frankfurt) befassen sich im letzten Beitrag mit digitalen Videos aus Kinderhand („Däumlingsfilme“), die heute zum medialen Alltag gehören. So wird am Ende von der Perspektive der Gefilmten in die der Filmenden gewechselt.

Die Internationalität der Autorinnen und Autoren entspricht dem breiten Spektrum methodischer und fachlicher Blickrichtungen auf das Thema der Tagung und der Publikation. Im Focus stehen dabei Film und Filmgeschichte, von den Anfängen bis in die Gegenwart. Die vielen Filmbeispiele – bekannte und (mir) unbekannte – und die in ihren Analysen sehr konkreten Texte machen die Lektüre des Buches zu einer spannenden Reise durch das Terrain „Kino und Kindheit“. Zahlreiche Abbildungen (wie immer bei Bertz + Fischer in sehr guter Qualität) erhöhen die Anschaulichkeit.

Erinnert sei bei dieser Gelegenheit an drei Bücher zum Thema, auf die ich bei früherer Gelegenheit hingewiesen habe: „Im Banne der roten Hexe“ von Werner Dütsch (im-banne-der-roten-hexe/), „Filmästhetik und Filmvermittlung“ von Bettina Henzler (filmasthetik-und-vermittlung/) und „Kindheiten“, herausgegeben von Thomas Koebner (kindheiten/).

Kino und Kindheit:
http://www.bertz-fischer.de/kinoundkindheit.html

 

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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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