Machete Kills – Zwischen den Trailern

Filmemacher Robert Rodriguez scheint es auf die Spitze treiben zu wollen: Was als unterhaltsamer „Fake“-Trailer begann, entwickelt sich zum eigenen Mythos – oder wohl eher zur Replik darauf.          

Von Jens Mayer

Ein Filmtrailer ist nichts anderes als ein visualisierter Pitch, nur, dass er kein Versprechen des Autors an die Produzenten ist sondern des Regisseurs an das Publikum. Da, wo der Autor nur die Worte hat, um die Erwartungshaltung im Kopf des Produzenten anzuregen, hat der Regisseur die Bilder bereits geschaffen, die der Trailer benötigt um die Zuschauer zu überzeugen.
Doch Pitch wie Trailer müssen nicht nur dazu in der Lage sein die Handlung  und eventuelle Absichten der Macher abzubilden, sondern vor allem eine Atmosphäre erzeugen, die dem Publikum entweder ein unmittelbares Gefühl der Vertrautheit oder Neugier vermittelt. Inwieweit der eigentliche Film etwas mit dem gegebenen Ausblick zu tun hat ist zunächst nicht weiter von Belang. Ziel des Pitches ist es, den Filmstoff an die Produzenten zu verkaufen, der Trailer wiederum, ist auf den Kauf des der Eintrittskarte, der DVD oder des Streams durch den Zuschauer aus. Demnach müssen Produzenten und Publikum zu einem gewissen Grade getäuscht werden, denn ein anderthalbstündiger Film kann in seiner Dimension weder auf einer DIN A4 Seite noch in einem zweiminütigen Trailer abgebildet werden, weder im Guten noch im Schlechten.

Am Anfang der Entwicklung von Machete stand kein Pitch, sondern ein Trailer. Im Zuge der Zusammenarbeit der beiden Filmemacher-Freunde Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Grindhouse-Projekt die US-Double-Feature-Vorführungen von B-Movies der  1960ern und 1970er Jahren nachahmen wollten, hatten sie eine Reihe von „Fake“-Trailern – also Trailer ohne einen zugehörigen Film – drehen lassen, die zwischen den beiden Featurefilmen Death Proof (Tarantino) und Planet Terror (Rodriguez) gezeigt werden sollten, die also Teil des Gesamtkunstwerks Grindhouse sind, das in dieser Form in Deutschland leider nicht zu sehen war.
Auch Rodriguez hatte sich am Trailer-Spaß beteiligt und mit Machete (Denny Trejo) eine Figur geschaffen, die wie eine dreckige, übersteigerte Exploitation-Version seines Mariachis wirkte, mit dem er vor zwei Jahrzehnten seine Karriere begann (El Mariachi, Desperado). Trejo, schon lange einer der hervorstechenden Charaktere im Universum des Robert Rodriguez trat erstmals in einer Hauptrolle auf, die den Helden der zitierten billigen Actionfilmen nachempfunden war. Der Erfolg des Trailers basierte also augenscheinlich auf  der Herstellung einer Vertrautheit beim Publikum, ein gemeinsames Wissen um die in Machete abgebildete Welt.

Der Fake-Trailer als Glücksfall

Robert Rodriguez und Michelle Rodriguez (Universum)

Regisseur Robert Rodriguez (rechts) mit Darstellerin Michelle Rodriguez (Universum)

Als sich der Filmemacher demnach dazu entschied, tatsächlich einen gesamten Spielfilm auf der Basis seines Trailers umzusetzen, musste und konnte er sich an der Bilderwelt und versprochenen Atmosphäre seiner Prämisse orientieren. Er nutze den ersten Teil von Machete allerdings nicht ausschließlich dazu, eine für ihn gewohnt postmodern gewalttätige Comic-Gewaltorgie zu inszenieren sondern auch um das „Genre“ Exploitationfilm um eine weitere Facette zu bereichen – den „Mexploitation“-Film. Dadurch schaffte er es,  einen subversiven Gegenentwurf zu  den im Hollywood-A-Film gewohnten konservativen Actionreißern zu erschaffen, der der Erzählung zwischen all den abgetrennten Gliedmaßen und Blutbächen, quasi nebenbei, eine Abhandlung  über die Einwanderungspolitik der USA einschreiben konnte.
Der „Fake“-Trailer zu Machete erwies sich somit also als Glücksfall, weil Rodriguez die Möglichkeit nutze das Vertraute und Erwartbare mit überraschenden Einfällen und einem unerwartbaren Unterton um eine neue Dimension zu bereichern und das Publikum zu überraschen.

Am Beginn der Fortsetzung steht nun erneut ein Trailer. Noch ehe die Handlung von Machete Kills beginnt, kündigt sich der abschließende Film der Machete-Trilogie an, und der setzt Rodriguez-typisch noch einen drauf: Machete Kills Again… In Space! heißt es da und zeigt den schweigsamen Helden aus Mexiko in einem Retro-Weltraumfilmsetting. Damit definiert der Regisseur auch den Endpunkt, den er für den zweiten Teil seines Heldenepos gewählt hat, doch wie verlagert er die Story nachvollziehbar und glaubhaft in den Weltraum? Genau darum geht es letztendlich in Machete Kills: Die Vertrautheit des ersten Trailers ist der Neugier auf die Entwicklung gewichen, die der zweite Trailer erzeugt.

Mehr heterogenes Pastiche als zusammenhängende Erzählung

Der Gegenspieler: Mel Gibson als Luther Voz (Universum)

Der Gegenspieler: Mel Gibson als Luther Voz (Universum)

Geht man bei einer Trilogie von einer klassischen Drei-Akt-Struktur aus, wäre dies der zweite Akt des Machete-Epos – für Drehbuchautoren der heikelste, weil die Gefahr, dass der Stoff  nach der furiosen Eröffnung versandet, sich in die Länge zieht oder sich einfach als undurchdacht offenbart, allgegenwärtig ist. Somit ist die Idee, die ferne Zukunft der Geschichte quasi als Prämisse voranzustellen und die Zuschauer mit dieser Erwartungshaltung bei der Stange zu halten natürlich smart. Dennoch ist sie auch ein Teil des Problems, denn Machete Kills offenbart sich zwar als kurzweilig und unterhaltsam, aber eben auch als heterogenes Pastiche, das weniger an einer zusammenhängender Erzählung interessiert ist als an einer Etablierung seines eigenen Mythos’ als letztendlich „außer-irdische“ Heldenfigur.
Dabei entwirft Rodriguez wieder einmal ein selbstreferentielles System, das wie ein Bild von M. C. Escher verblüffend und unergründbar scheint und genau deswegen eine ungemeine Faszination ausübt.
Stars wie Michelle Rodríguez, Sofía Vergara (Modern Family), Antonio Banderas, Cuba Gooding Jr., Jessica Alba und Lady Gaga spielen eben nicht nur Filmrollen, sondern bringen im Universum von Robert Rodriguez immer auch ihren Status als Popkultur-Ikonen mit ein – allen voran natürlich Mel Gibson, der in klassischer Bond-Bösewicht-Manier endlich einmal wieder so etwas wie Selbstironie zeigen darf.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Universum)

Nachfolger im West Wing? Charlie Sheen als Präsident Rathcock (Universum)

Die Bond-Reihe dient dem zweiten Machete-Film ohnehin als deutlichste Vorlage, was ein wenig schade ist, da dadurch die Referenzen zu den faszinierend-schmuddeligen Grindhousefilmen weiter in den Hintergrund rücken und einer Parodie auf Mainstream-Filmhelden der 80er Jahre weichen müssen, und erinnert mitunter an die Jim Abrahams Hot-Shots-Filme. Womit wir bei Charlie Sheen wären. An dessen „Cameo“ (er wird in der Besetzungsliste unter seinem bürgerlichen Namen Carlos Estévez aufgeführt) wird das von Rodriguez bediente Referenzsystem besonders deutlich.
Wenn der Two-And-A-Half-Man-Macho und -Trinker als Präsident der Vereinigten Staaten auftritt und so mit seinem allgegenwärtigen Skandal-Image spielt, ist das zwar per se schon amüsant, doch nur wenn man weiß, dass sein Vater Martin Sheen über 154 Folgen in der Serie The West Wing das Idealbild eines demokratischen US-Präsidenten verkörpert hat und entsprechende Inszenierung kennt, versteht man den ganzen Witz.

Was am Ende von Rodriguez’ Machete-Epos steht, kann noch nicht abschließend bewertet werden.
Machete Kills deutet in seiner Zerfahrenen Sprunghaftigkeit aber die Möglichkeit an, dass trotz aller Kunstfertigkeit und beeindruckender Sorgfalt, die Rodriguez in den Ausbau seines neuen Mythos’ steckt, am Ende nicht mehr übrig bleiben könnte als das, was bereits vor den eigentlichen Filmen existierte: zwei coole Trailer.

Machete Kills startet am 19. Dezember 2013 in den deutschen Kinos.

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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