VON ROLAND ZAGTannöd Neu im Kino
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Dienstag - 24. November 2009 - 19:25
Wenn wir das Wort “durchwachsen” gebrauchen, hat es gewöhnlich einen negativen Beigeschmack. Wenn aber von “Tannöd” zu sagen ist, dass der Film durchwachsen ist, so muss man das ganz wörtlich nehmen. Es gibt zwei Ebenen – eine in der Vergangenheit und eine in der Gegenwart – die sich gegenseitig in ungewöhnlicher Dichte durchdringen und eben “durchwachsen”. Insofern weist der Film erzählerisch eine recht spannende neue Struktur auf, in der Rückblende und “Haupthandlung” permanent hin und her wechseln.
Dadurch wird wenigstens ansatzweise die Struktur des Romans übernommen. Das häufige Ineinanderfallen von Erzählung und Rückblende ist sicher interessant und ein Stück weit auch innovativ.
Aber von der sozialen Dynamik her sind die beiden Ebenen völlig verschieden. In der Gegenwartsebene herrscht eine lähmende Passivität vor. Die Leute in dem Dorf, in das KATHRIN (Julia Jentsch) gerät, reden nur und haben Angst – Angst vor der Aufdeckung der Frage, wer von ihnen der sechsfache Mörder sein mag. Es wird viel geschimpft und beschuldigt, aber nicht gehandelt. Das ist zwar soziologisch interessant, aber selten dynamisch oder zwischenmenschlich von großer Vehemenz.
Ganz anders die Szenen, die vor dem grausigen Mord spielen. Da herrscht gewaltiges Ungleichgewicht, denn er alte DANNER (Vitus Zeplichal) ist ein echtes Schwein, das seine Tochter vergewaltigt und alle anderen Leute tyrannisiert. Die Mordgelüste liegen nur so in der Luft. Und als dann BARBARA (Brigitte Hobmeier) den Hof erbt, kommt ein gewaltiges materielles Interesse im Sinne von Geben und Nehmen mit ins Spiel und lädt diese Ebene, in der es zudem noch erotische Ambitionen, einen fiesen Landstreicher und vieles mehr gibt, mit sozialer Dynamik auf. Die Szenen, die vor dem Mord spielen, sind ungleich spannender als jene in der Gegenwart, in denen sich das Dorf gegenseitig zerfleischt.
Wenn sich also die zwei Ebenen des Films “durchwachsen”, dann entfalten sie sozial gesehen zwei völlig unterschiedliche Qualitäten: auf der einen Seite Gier, Niedertracht und Mordlust; auf der anderen steht hauptsächlich Angst, Lähmung und Stillstand. Auch Kathrin, die Hauptperson, vermag daran nicht viel zu ändern. Wen sie küsst oder nicht, zu wem wie hält oder nicht, ist egal: sie wird das Dorf am Ende ohnehin verlassen.
Man kann nun leider kaum sagen, dass die eine Ebene die andere befruchtet oder verstärkt. Viel eher dürfte sich der Eindruck einstellen, dass die grausigen Momente echter Bedrohung eher rar sind und dass man der spannenden Familie Danner leider kaum nahe kommt. Der komplexe Charakter der Barabara entfaltet sich immer nur mit angezogener Handbremse: denn die Gegenwarts-Ebene liegt eher wie ein Deckel auf der Büchse der Pandora, die sich nicht recht öffnen will.
Aber auch für die Beschäftigung mit Kathrins grausiger Entdeckung, dass auch sie ein Kind vom Danner ist, fehlt die Zeit. Der Schrecken der Morde bleibt immer gemildert und in der Distanz.
Wenn dann am Ende der Mordfall aufgedeckt wird (oder wenigstens ein ganz starker Verdacht im Raum stehen bleibt), dann wird man das auch wohl eher als Enttäuschung wahrnehmen. Der Mörder ist zwar einer derjenigen, die von Anfang an verdächtig sind – aber dadurch ist die Überraschung auch nicht allzu groß. Seine Tat ist zwar sicherlich gut motiviert – aber warum er dabei gleich sechs Menschenleben auslöschen musste, bleibt völlig unklar, und insofern wirkt die Aufdeckung fast banal. Das Ungeheuerliche des Falles bleibt unverständlich und irgendwie beliebig (man vergleiche, um wieviel genauer hier “Capote” an der Motivation des Mordes gearbeitet hat!).
Insofern ist “Tannöd” ein Film, der erzählerisch spannende neue Ansätze in Richtung “multiperspektivisches” Erzählen bietet. Und zur einen Hälfte gelingt es sicher, dem Genre “Thriller” gerecht zu werden. Doch durch die Durchmischung mit der statischen und wenig relevanten Gegenwartsebene wird die Dynamik immer wieder gebremst und in eine eher intellektuelle denn emotionale Sphäre gerückt.
TANNÖD
Buch: Petra Lüschow (nach dem Roman von Andrea Maria Schenkel)
Regie: Bettina Oberli
Mehr dazu: "Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken.
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