Der frühe Vogel kann mich mal!13 Semester -  Neu im Kino
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Donnerstag - 14. Januar 2010 - 11:59
Der Beginn jedes Studiums zieht automatisch eine Zugehörigkeitsthematik nach sich: man kommt in eine fremde Welt, in der man sich nicht auskennt, und muss dort sein neues soziales Umfeld aufbauen. Es liegt nahe, einen Film wie “13 Semester” weitgehend auf dieser publikumswirksamen Prämisse aufzubauen. So kommt hier MOMO (Max Riemelt) aus der Provinz in die Stadt, um Wirtschaftsmathematik zu studieren. Automatisch entsteht ein (allerdings milder) Culture Clash für ihn – neue Leute, neue Anforderungen, neue Kultur.
Gute Voraussetzungen, um sich als Zuschauer in die Nöte der Hauptfigur einzufühlen. Im Kampf um freie Wohnungen und freie Studienplätze kommt auch mindestens vorübergehend das Gefühl der Benachteiligung auf – auch das eine wichtige grundsätzliche Voraussetzung für das Projekt.
Zudem ist es rein markttechnisch eine clevere Idee, den Film so direkt auf ein klar umrissenes und recht großes Zielpublikum hin auszurichten. Die durchgehend komödiantisch-leichte Tonart macht den Film sehr zugänglich. In den einzelnen Figuren und Szenen liegt oft eine Menge Charme. Wie sehr “13 Semester” aber dieses Zielpublikum auch wirklich erreicht, muss erst noch geprüft werden.
Zunächst wird die Zugehörigkeitsthematik für Momo gleich nach seiner Ankunft nochmals relevant: entweder er folgt dem Weg seines Jugendfreundes DIRK (Robert Gwisdek), der sich strebsam und brav auf den vorgeschriebenen Pfaden bewegt; oder er lässt sich auf die chaotische Welt des Lebemanns BERND (Alexander Fehling) ein. Momo steht ein bisschen verloren zwischen beiden Welten und landet fast ungewollt auf Bernds Seite. Dort aber muss Momo feststellen, dass ihn die Rolle des triebgesteuerten Lebemanns doch eher überfordert – was ihn am Ende zurück auf den Pfad des Studiums bringt. In dieser Wendung zurück zu Ausbildung und Selbstbewusstsein steckt ein Stück Wunscherfüllung. Als Zuschauer ist klar, dass Momo lernen muss, zu sich zu stehen und die eigenen Ressourcen auszuschöpfen. Indem er das tut, sind die Voraussetzungen für positive Resonanz gegeben.
All diese Bewegungen werden in “13 Semester” gut spürbar. Und doch: mit wirklichen Loyalitätskonflikten gehen sie selten einher. Echte Bindung zu Dirk hat Momo eigentlich nicht entwickelt, denn es wird nicht spürbar, wieviel verloren geht, wenn sich diese alte Beziehung zu seinem Jugendfreund auflöst. Große Konflikte drohen hier nicht. Es heißt hier eher: “aus den Augen, aus dem Sinn”. Dasselbe gilt für die familiäre Welt, die Momo verlassen hat, und die nur sporadisch und schwach in die Handlung mit hineinspielt. Erheblich stärker wäre es gewesen, Momos allmähliches Abdriften hin zum chaotischen In-den-Tag-hineinleben mit mehr Schuldgefühlen und mehr Bindung an die alte Welt aufzuladen.
Doch auch zu Bernd, Momos neuem Freund, entsteht kein Verhältnis, das auf echtem Geben und Nehmen besteht. Und ganz besonders schlägt der Mangel an Austausch im Falle von KERSTIN (Claudia Eisinger) zu Buche. All die Beziehungen, die Momo eingeht, entwickeln etwas Beliebiges. Commitment und echte Dringlichkeit entsteht nur sporadisch. Das mag zwar jungen Studenten oft so gehen – viele Zuschauer werden sich selbst in Momo gut wieder finden können; dennoch hilft es dem Film nicht gerade, wenn sich ständig neue Verbindungen ergeben und wieder auflösen. Starke Loyalität entwickelt sich eigentlich nie.
Besonders schwierig ist es, wenn Momo zwischenzeitlich nach Australien geht und von dort desaströse Erlebnisse mitbringt. Dieser Teil der Handlung wird durch ein paar Fotos abgehandelt, so dass das Gefühl echter Not sich kaum einstellt. Umso problematischer, dass Momo dann später seine kläglichen Erlebnisse als große Siege verkauft. Denn auch diese Hochstapeleien bleiben ohne großen Konsequenzen.
Insofern braucht Momo nie einen wirklich großen Preis zu bezahlen. Die meisten seiner Abenteuer bleiben auf einer Ebene, die nicht wirklich tief geht.
Und ein Blick auf echt erfolgreiche Komödien zeigt, dass der echte Humor, das wirkliche Mitgefühl für die Figuren sich erst einstellt, wenn man dort hingeht, wo’s wirklich weh tut. Echten Schmerz, und damit aber auch echtes Mitgefühl wird man in “13 Semester” wohl vergeblich suchen.
Insofern bringt der Film seine Pointen und Lacher in einer sicherlich heiter-entspannten Tonalität rüber. Aber die Potenziale, die in dem Stoff lagen, wurden nur teilweise genutzt.
13 SEMESTER
Buch: Oliver Ziegenbalg
Regie: Frieder Wittich
Mehr dazu: "Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken.
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