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Männer al dente

Unbequeme Botschaft -

Neu im Kino

Mittwoch - 28. Juli 2010 - 17:50

Die Grundkonstellation ist tragfähig. TOMMASO (Riccardo Sarmacio) kann es nicht wagen, sich gegenüber seinem Vater als Schwuler zu offenbaren, weil dieser schon beim Outing seines anderen Sohnes einen Herzanfall bekommen hat. Es gibt also gute Gründe für Tommaso, sich zumindest zeitweise in eine falsche Existenz zu flüchten. Das grundsätzliche Dilemma ist plastisch und auch komisch. Wann immer die Protagonisten zwischen klar unterschiedenen alternativen Zugehörigkeiten wählen müssen, sind die Voraussetzungen gut. Und die soziale Relevanz wird deutlich spürbar: denn immerhin hat der Protagonist die Verantwortung für ein ganzes Unternehmen.



Der Trailer zu MÄNER AL DENTE:





Das Grundthema des “falsch gelebten Lebens” durchzieht den Film konsequent, und darin liegt eine große Stärke. Nicht nur Tommaso, sondern auch seine Oma, seine Tante und eben sein Bruder haben damit zu kämpfen, der Welt zu sagen, wer sie wirklich sind, bzw. sich mit unerreichbar gewordenen Träumen abzufinden. Es gibt aber noch andere starke Elemente. So formiert sich etwa zwischen dem schwulen Tommaso und der attraktiven, aber unglücklichen ALBA (Nicole Grimaudo) sowie Tommasos Geliebten eine Freundschaft zu dritt. Dieses Element der Gemeinschaftsgefühle verleiht dem Film eine stimmige Achse. Zudem ist Tommasos Geliebter eine authentische, unverdorbene Figur, die ein gelungenes Gegenbild zu seiner Unentschlossenheit liefert.

Gleichzeitig stößt man allerdings auch auf eine Reihe von Ungereimtheiten, die es nicht einfach machen, ein homogenes Ganzes zu erleben. Da bleiben einige Nebenfiguren seltsam unerzählt (etwa die Tante, die angeblich zu viel trinkt, aber nie betrunken ist; Alba, deren angebliche Borderline-Störung praktisch nie zu Tage tritt und immer nur behauptet bleibt; die wenig pointierte Beziehung zwischen der herrschsüchtigen Mama und einer unterdrückten Haushaltshilfe, uvm.). Als schwierig erweisen sich auch die brüsken Wechsel zwischen fast philosophischer Lebensweisheit und platter Boulevardkomödie, die zwischenzeitlich kein Schwulen-Klischee auslässt. Vermutlich ist dieser krasse Wechsel von “hohen” und “niederen” Elementen einem italienischen Publikum leichter zugänglich als einem deutschen (in Italien wurde “Mine Vaganti” zu einem großen Hit).

Was die philosophische Ebene angeht, so schwingt sich der Film am Ende allerdings in unerwartete Höhen auf, die ihm ein originelles Alleinstellungsmerkmal verleihen und helfen, das allzu vorhersehbare “Happy End” zu umgehen. Am Ende nämlich stirbt die Oma (wenngleich der Auslöser für diesen Freitod schwer erkennbar ist). Und ab diesem Moment wechselt die Erzählung auf eine Metaebene, in der alle Generationen – die Lebenden und die Toten – sich die Hand reichen und über das Thema der unerfüllten Wünsche philosophieren. Gegenüber der stereotypen Komödien-Forderung “Lebe deinen Traum”, die so häufig als Fazit bleibt, ist “Männer al dente” am Ende doch differenzierter. Es gibt im Leben immer auch Träume, die unerfüllt bleiben. Mit ihnen leben zu lernen, ist nicht leicht – aber der Film stößt uns gerade auf diese unbequeme Botschaft.

Insgesamt ergibt sich ein uneinheitliches Bild: die grundsätzlich tragfähige Dramaturgie wird durch inkonsequente Nebenfiguren beständig gebremst. Liebhaber derber Schwulen-Komik kommen nur vorübergehend auf ihre Kosten, während subtilere Zuschauer durch lange Passagen eher platten Zuschnitts abgeschreckt bleiben dürften. Dennoch sind die Vorzeichen dank der prägnanten Prämisse und des Alleinstellungsmerkmals eher leicht positiv zu sehen.
Roland Zag


Männer al Dente
Originaltitel: Mine vaganti
Italien 2010
Laufzeit: 110 Minuten

Buch: Ferzan Ozpetek, Vian Cotroneo
Regie: Ferzan Oztetek

Darsteller:
Riccardo Scamarcio
Nicole GrimaudoAlessandro Preziosi
Lunetta Savino
Elena Sofia Ricci
u.v.a.
Fotos: © Prokino


MARKTPROGNOSEN:

„Männer al dente“ enthält einige Zutaten, die ihn grundsätzlich zu einer tauglichen Sommerkomödie machen. Vor allem spielt er in und um Lecce in Apulien, einem reizvollen Reiseziel in Italien. Der Aspekt, durch den Besuch eines Kinofilms im Sommer quasi für einen Moment in Urlaub zu fahren, hat zuletzt auch zu so unterschiedlichen Erfolgen wie „Alle anderen“ oder „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ beigetragen. Während die Schauspieler weitgehend unbekannt sind, kann der Regisseur Ferzan Ozpetek seit seinem Erfolg von 1997 „Hamam“ mit mehr als 100.000 Zuschauern in den deutschen Kinos schon eine gewisse Bekanntheit aufweisen. Im Vergleich mit diesem konsistenten und zurückhaltenden Homosexualitätsdrama wirkt „Männer al dente“ allerdings ganz anders und dürfte als uneinheitliche Komödie doch zum größten Teil ein anderes, stärker weibliches Publikum ansprechen. Ein starker Zuspruch von der Gay-Lesbian-Kinoszene ist ihm dagegen nicht sicher. Insofern sollte die absolute Obergrenze bei etwa 150.000 liegen, wie sie im vergangenen Sommer etwa die griechische Komödie „Kleine Verbrechen“ erreicht hat. Sehr viel wahrscheinlicher ist allerdings, daß „Männer al dente“ schließlich nur geringfügig über „Hamam“ hinausgelangen wird; gut möglich, daß es am Ende sogar nur zu hohen fünfstelligen Zahlen reicht.

Markteinschätzung: Norbert Maass



Anmerkung zu dieser Besprechung:

"Der Publikumsvertrag. Emotionales Drehbuchschreiben mit 'the human factor'" von Roland Zag - Erscheinungsdatum: September 2005, sowie auf der Website the-human-factor.de
Im Zentrum des Interesses steht die Analyse der zwischenmenschlichen Verhältnisse - Es handelt sich bei unseren Besprechungen NICHT um Filmkritiken
.

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>> Offizielle Website
>> Roland Zag: Der Publikumsvertrag



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