Dass sich der Humor von Sacha Baron Cohen in jenen Grenzbereichen tummelt, die üblicherweise ausgespart werden: nämlich dem politisch Inkorrekten, Tabuisierten, Verfemten, dürfte hinreichend bekannt sein. So kommt es in seiner neuen Komödie schon mal zu einer Liebesszene im Geburtskanal einer Gebärenden; zu Momenten, in denen die prallen Brüste brünstiger Liebesdienerinnen gemolken werden; zu Anal-, Fäkal-, Brachialhumor aller Art. Wer das nicht mag, ist fehl am Platz. Die Zahl derer, die daran Gefallen finden, dürfte immer noch groß genug sein.
Der Trailer zu DER DIKTATOR:
Der Trick von Cohens neuer Komödie besteht darin, alle frauenfeindlichen, antisemitischen, die Menschenrechte mit Füßen tretenden Laster dieser Welt einer Figur aufzuhalsen, die wir lieben, um sie hassen zu können: für Aladin (Sacha Baron Cohen) ist kein Fettnäpfchen zu schlüpfrig, als dass er nicht hinein treten würde. Aladin ist also ein Antiheld, den wir trotzdem dafür lieben, dass er sich selbst (wie zuvor bereits BORAT) bis zur letzten Konsequenz treu ist. Aladin ist jede keine Form von Diplomatie, von Kalkül und schlauem Intrigantentum fremd. Seine unvorstellbar geschmacklose Form der Selbstbehauptung kennt keine Verstellung. Er ist immer der, der er ist. Dadurch mischt sich sein abenteuerlich anmaßendes Wesen mit einer erfrischenden Treue zu sich selbst. Darin liegt der Reiz vor allem für ein jugendliches Publikum.
Durch Aladins Treue zu sich selbst stellt sich in DER DIKTATOR eine kindliche Freude am Zerstören aller “erwachsenen” Tabus ein. Es gibt hier buchstäblich nicht Geheiligtes, das nicht sein Fett abkriegt und auf infantil naive Form dekonstruiert wird. Der Film befriedigt spätpubertäre Wünsche nach unmittelbarer Triebbefriedigung. Die Rebellion gegenüber herkömmlichen Formen der Politischen Korrektheit entspricht einem alten Kinderwunsch, der hier ungehemmt ausgelebt wird.
Doch mit der Gestaltung dieser Figur des unvorstellbar egomanen Aladin (die noch durch einen tumben Doppelgänger gesteigert wird) ist noch kein Drama geschaffen, keine Geschichte erzählt. Wie schafft es das Drehbuch, eine wirklich tragfähige abendfüllende Story zu kreieren?
Die Antwort ist einfach:
wie immer durch
a) einen griffigen Konflikt zwischen Welt und Gegenwelt;
b) durch eine alles tragende zentrale Beziehung.
Der Konflikt zwischen Welt und Gegenwelt entsteht in dem Augenblick, wo Aladin (mittlerweile seines charakteristischen Bartes beraubt) durch Zufall an eine genau gegensätzlich gepolte Frau gerät: Zoe (Anna Faris) glaubt in ihm ein unschuldiges Opfer seiner eigenen Diktatur zu sehen, und führt ihn in ihr eigenes Biotop des vegan-feministisch-biologisch-antirassistisch-friedfertigen Gemüseladens ein. Der “Culture Clash” könnte kaum drastischer ausfallen. Entsprechend liegen hier gewaltige Reserven für komische Pointen. Und durch Zoe deutet sich auch die alles beherrschende Beziehung an, die in ihren Höhen und Tiefen trotz aller lächerlich-farcehaften Züge ganz klassisch gestaltet ist.
Zugleich aber hat Aladin noch ein äußeres Ziel: er will die Demokratisierung seines Landes, die Tamir (Ben Kingsley) vorantreibt, verhindern. Damit steht eine alles überwölbende Spannung im Raum: wird es der “böse”, aber mittlerweile geläuterte Diktator Aladin schaffen, die Umwandlung in eine Demokratie zu verhindern? Diese Fragestellung verleiht dem Film die äußere Spannung.
Hier allerdings steht der Film vor einem Dilemma. Wenn Aladin sein Ziel wirklich erreicht, stehen wir wieder bei Null, fangen wir wieder von vorne an. Alle inneren Entwicklungen der Figur wären dann verloren. Daher muss eine Lösung gefunden werden, wie das äußere Ziel erreicht, aber eben auch nicht erreicht, bzw. umgepolt wird. So kommt es zu einer erstaunlich plötzlichen Wandlung, die mit einer Menge Hollywood-Kalkül einhergeht. Im selben Moment, wo Aladin allen Reformbewegungen in seinem Land den Garaus macht, besinnt er sich einer Macht, die er noch nicht auf der Rechnung hatte: der Liebe. Denn während er die Gefahren der Demokratie beschreibt, veranlasst ihn der Anblick seiner Geliebten Zoe dazu, im selben Moment die Richtung zu wechseln. Im Klartext: die Macht der Liebe ist hier stärker als das politische Kalkül.
DER DIKTATOR ist also eine wilde Mischung aus dem anarchischen Fäkal-Humor, den man sich von Sacha Baron Cohen erwartet. Ganz heimlich und leise schleichen sich aber die alten Rezepte des Hollywood-Kinos mit ein, die dem Film die Zähne ziehen. Aus dem wilden, ungebärdigen Aladin ist ein zahmer Liebender geworden, ein Anhänger des ‘human factor’, der am Ende nur noch pro forma die Zähne fletscht.
Zusammenfassend kann man also sagen: die scheinbar regellose Komik des Protagonisten wird in DER DIKTATOR einem rigiden dramaturgischen Konzept unterworfen. Dass es funktioniert, ist keine Frage: indem Welt und Gegenwelt ganz klar geschieden sind, findet der Film zu einer abendfüllenden Spannung. Und indem er einer einfachen Beziehungslinie folgt, kann eigentlich nichts schief gehen.
Nur hat die Komik von Sacha Baron Cohen jetzt das verloren, was gerade BORAT und BRUNO so subversiv gemacht hat. Man ist jetzt als Zuschauer auf der sicheren Seite, trotz aller Betonung des politisch Unkorrekten siegt am Ende doch das gesellschaftlich Akzeptierte. DER DIKTATOR schafft es, zugleich böse und weichgespült, anarchisch und regelkonform zu sein.
Dem Markterfolg dürfte das aber nicht allzu viel zu schaffen machen. Zwar wird dem Alleinstellungsmerkmal des Komikers, der Maßstäbe zu setzen vermochte, einiges wieder genommen. DER DIKTATOR ist jetzt an einem Punkt angekommen, wo vor ihm schon Satiren wie DIE NACKTE KANONE usw. waren. Dadurch wird der neue Film für ein Mainstream-Publikum zugänglicher. Dass er jenen Teil des Publikums, das auf die reine Provokation aus war, verliert, dürfte verschmerzbar sein.
DER DIKTATOR
(The Dictator) USA 2012
Regie: Larry Charles
Drehbuch:Sacha Baron Cohen, Alec Berg, David Mandel, Jeff Schaffer
Darsteller:
Megan Fox
Sacha Baron Cohen
Anna Faris
Ben Kingsley
u.v.a.
Mit BORAT spielte Sacha Baron Cohen nahezu zwei Millionen ein, mit BRUNO deutlich weniger. Doch die Attraktivität der Figur dürfte kaum nachgelassen haben. Im Gegenteil. Das Verlangen der Welt, sich über Diktatoren im Ghaddafi-Stil lustig zu machen, dürfte umso größer sein, als man fast täglich von ihnen in den Nachrichten hört. Die Kombination Cohen-Aladin dürfte also hoch attraktiv sein.
Anders als die übrigen Filme von Cohen ist DER DIKTATOR mit echten Stars und Schauspielern bestückt, was dem Film noch ein klein wenig Glanz mit beifügt.
Die Story des Films trägt, wie beschrieben, unbedingt zum Gelingen bei, auch wenn man einige seltsame Kehrtwendungen mitmachen muss. Allerdings hat die neue Kuschel-Philosophie zur Folge, dass man DER DIKTATOR nicht weit von MR.BEAN ansiedeln kann. Und da hilft es, sich hinsichtlich des Markterfolgs am Vergleichsfilm “JOHNNY ENGLISH – JETZT ERST RECHT zu orientieren, der letztes Jahr auf ca. knapp 2 Millionen gekommen war. In ähnlichen Regionen wird man unserer Meinung nach auch DER DIKTATOR ansiedeln dürfen.
Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«