Die Prämisse ist absurd, und das Drehbuch wird lange Zeit nicht müde, dies zu betonen: Angeln mitten in der Wüste Saudi-Arabiens ist doch tatsächlich eine Schnapsidee. Harriet (Emily Blunt) beharrt dennoch darauf, dass ihr steinreicher Klient Scheich Mohammed (Amr Waked) sich eben diese fixe Idee in den Kopf gesetzt hat. Durch eine Verkettung skurriler Begleitumstände kommt es tatsächlich dazu, dass das Unternehmen in die Tat gesetzt werden soll, und zwar unter Mithilfe von Alfred (Ewan McGregor), der sich als Fischereiexperte und passionierter Angler vergeblich sträubt.
Der Trailer zu LACHSFISCHEN IM JEMEN:
Solange der Film bei diesem Grundkonflikt bleibt, funktioniert das Drehbuch innerhalb der Genrekonventionen hervorragend. Die Positionen, aber auch die Lebenseinstellungen von Harriet und Alfred könnten unterschiedlicher kaum sein – und die entsprechenden Wortgefechte sind reines Vergnügen. Dabei sind beide in komplizierten Dreierbeziehungen verhaftet: Alfreds Privatleben mit der kontrollsüchtigen Mary (Rachel Stirling) ist wenig befriedigend, vor allem im Vergleich zur sensiblen, intelligenten Harriet. Die aber wiederum hat sich eben erst in Robert (Tom Mison) verliebt – und dieser scheint in Afghanistan umgekommen zu sein.
Der tragische Unterton zwingt der Annäherung zwischen Harriet und Alfred eine keusche Zärtlichkeit auf, die ebenfalls schön gestaltet wird. Angesichts von Harriets stiller Trauer um den vermutlich toten Geliebten verbietet sich Alfred jedes Draufgängertum. Im Kontakt mit dem sensiblen, gebildeten Scheich entsteht dann noch so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl, getragen von einem griffigen Austauschmedium (der Liebe zum Angeln) und theoretischen Diskursen über Glauben und Rationalität.
Doch je weiter das Unternehmen der Bewässerung des Jemen fortschreitet, umso deutlicher wird, dass die ganze Prämisse eben wirklich absurd ist: die soziale Relevanz für die Pläne des Scheichs fehlt vollkommen. Die Bevölkerung des Wüstenstaates braucht keine Lachse. Mohammed feiert einen Ego-Trip, nicht mehr. Der Widerstand im eigenen Land ist groß. Und damit fällt die Grundtemperatur des Films merklich ab. Das ganze Unternehmen, für das Alfred und Harriet kämpfen, bekommt etwas Aufgesetztes. Wie immer schadet es dem Film, wenn die Dramaturgie Projekte verfolgt, die nicht von sozialem Bedürfnis getragen sind.
Das Drehbuch antwortet mit immer aufgesetzteren Plot-Ideen. Da ist einmal die wundersame Rettung von Robert, der sich auf einmal als Alfreds erotischer Kontrahent entpuppt. Da ist die groß ausgespielte Presse-Aktion von Patricia (Kristin Scott Thomas), die sich die angebliche anglo-jemenitische Freundschaft auf die Fahnen geschrieben hat. Und da ist vor allem das recht abrupt eingeführte Attentat am Staudamm, welches das Tal flutet und alle Unternehmungen erst mal zunichte macht (allerdings ein schöner und bildmächtiger Tiefpunkt am Ende des 2. Aktes).
Auch all diese Verwicklungen werden sorgfältig und souverän geführt – aber es fehlt ihnen dennoch die Relevanz.
Allerdings lässt sich hier schön studieren, wie sich die Wunschentwicklung im Falle der Liebesgeschichte steuern lässt. Denn eigentlich ist keineswegs klar, für wen sich Harriet entscheiden soll: ihren zurück gekehrten Lover Robert, oder den inzwischen von seiner Mary längst emanzipierten Alfred? Im Grunde steht ihr Robert näher. Doch indem wir als Zuschauer zwischen Harriet und Alfred viel mehr Geben und Nehmen, viel mehr Austausch mitverfolgen konnten, schlägt das Herz des Publikums eindeutig für den schüchternen guten Freund – und der Wunsch nach der endgültigen Verbindung wird dann ja auch befriedigt.
Insofern kommt LACHSFISCHEN IM JEMEN bis zum Schluss souverän ins Ziel. Am Drehbuch ist nicht viel auszusetzen. Und dennoch wird der Film vermutlich keine ganz großen Leidenschaften entfachen können. Dazu sind die sozialen Bewegungen zu irrelevant, und die Grundidee das, als was sie schon auf den ersten Metern gebrandmarkt wurde: einfach absurd. Davon erholt sich das Geschehen trotz aller Kunstfertigkeit nie wirklich ganz. Entsprechend muss man die Aussichten ein klein wenig gedämpft betrachten.
LACHSFISCHEN IM JEMEN
Salmon Fishing in the Yemen, UK 2011
Regie:Lasse Hallström
Drehbuch: Simon Beaufoy
Basierend auf dem roman von Paul Torday
Darsteller:
Emily Blunt
Ewan McGregor
Kristin Scott Thomas
Amr Waked
Rachael Stirling
u.v.a.
Äußerlich betrachtet spricht vieles für den Film. Ewan McGregor und Emily Blunt sind bekannte und beliebte internationale Stars, die sowohl in eher unabhängigen als auch ganz großen Blockbustern bereits punkten konnten. Kristin Scott Thomas zählt ebenfalls zu den Aktivposten. Und Lasse Hallström hat sich inzwischen schon mit zahlreichen ungefähr vergleichbaren Arbeiten einen Namen als verlässlicher Wohlfühl-Regisseur mit Tiefgang erarbeitet.
Der Film hat mit beträchtlichen Schauwerten aufzuwarten, und der Gegensatz zwischen englischem Hightech und den archaischen Verhältnissen in der jemenitischen Wüste kommt visuell sehr stark zum Ausdruck. In der Flutwelle, die durch das Attentat im Staudamm entfacht wird, erhält der Film kinematografisch ausgesprochene Höhepunkte.
Aber die Mundpropaganda dürfte aufgrund der erwähnten kleinen Einbußen nicht ganz die Qualität entfachen, die z.B. letztes Jahr WASSER FÜR DIE ELEFANTEN zu einem starken Film werden ließ. Daher ist bei LACHSFISCHEN IM JEMEN mit guten, aber nicht sehr guten Zahlen im Wohlfühl-Arthouse-Bereich zu rechnen. Unsere Prognose zielt auf 350.000 bis 400.000 Zuschauer im deutschen Kino.
Dramaturgie- und Markteinschätzung: Roland Zag
Anmerkung zu dieser Besprechung:
Der Publikumsvertrag
Drehbuch, Emotion und der »human factor«