Noah – Überleben in der Sinn-Flut

Mit Noah kehrt das biblische Monumentalfilm-Epos ins Kino zurück. Wie zu erwarten, ist Regisseur Darren Aronofsky (The Wrestler, Black Swan) jedoch viel mehr an irdischen, denn an transzendentalen Konflikten interessiert. So konfrontiert er auch den Autor dieses Textes mit seiner eigenen Vergangenheit.

Von Jens Mayer

Sicher, besonders cool ist der Name nicht unbedingt. Doch als wir Ende der neunziger Jahre nach einem Motto für unseren Abitur-Jahrgang suchten, war ich mit dem Votum für „Abi Noah – Nach uns die Sintflut“ ganz zufrieden. Zum einen hielt ich die biblische Referenz für angemessen, schließlich hatten wir neun Jahre lang ein Gymnasium besucht, das aus einer Klosterschule hervorgegangen war, und das sich noch immer stark über die christliche Erziehung und Lehre zu definieren versuchte (was bei mir und vielen anderen insofern geklappt hat, dass wir Kirche und Religion seitdem mindestens äußerst kritisch gegenüberstehen), zudem drücken die Wahl des Themas und der Untertitel einen angenehmen Fatalismus aus, der für die Schulleitung unangreifbar war, aber im Kontext zumindest auch ein herzliches „F*** you!“ beinhaltete. In seiner Emotionalität sicher noch der Pubertät geschuldet, aber eben auch ein klares Statement zu diesem endgültigen Befreiungsakt nach dreizehn Jahren Schulautorität.

Aber zurück zur Exegese: Abiprüfung und die Prüfung Noahs, das war doch letztendlich das Gleiche! Über achtzig Schüler zusammengepfercht in einer von Wind und Wetter hin- und herschaukelnden Arche. Am Ende würden sie in die neue Welt hinausgehen, sich mehren und die Zivilisation begründen.
Ich mochte zudem die Untertitel-Parallele zum (vorläufigen ) Abschiedsalbum von Die Ärzte, das zehn Jahre zuvor erschienen war, sah es also auch eine kleine Jubiläums-Hommage. Naja, und zudem stand das Millennium vor der Tür: Fin de Siècle. Wahrscheinlich würde die Welt dann ohnehin bald untergehen, die Bedrohung war doch auch im Kino ständig präsent – Aliens, Meteoriten, Godzilla, Vulkane, Wirbelstürme… Dass in dieser Zeit ausgerechnet ein Stück namens Die Flut in die Charts sickerte, und zu „unserem“ Titelsong wurde, war nur konsequent, auch wenn ich das Lied grauenvoll fand. Aber hier stellte ich meinen persönlichen Geschmack gerne hinter den „konzeptionell-künstlerischen“ Überbau zurück: „Wann kommt die Flut / die mich mit fortnimmt / in ein anderes großes Leben?“
Es war auch das Jahr, in dem der Debütfilm des Filmemachers Darren Aronofsky erschien: Pi, in dem fanatischer Mathematiker glaubt, die Weltformel gefunden zu haben. Ein paranoider Horrortrip in grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern.

Zwei Jahrzehnte später ist die Arche zurück. Nach seinen außerordentlichen Erfolgen mit The Wrestler (2008) und Black Swan (2010) hatte Aronofsky die Möglichkeit aus den finanziellen Vollen schöpfen zu können, und diese gewaltige biblische Geschichte zu verfilmen, die ihn nach eigenen Angaben beschäftigt habe, seit er dreizehn Jahre alt war. Tatsächlich legte er im Vorfeld der Filmproduktion einen mehrbändigen Comic (aka Graphic Novel) vor, der auf einer frühen Fassung des Drehbuchs von Aronofsky und seinem kreativen Kollaborateur Ari Handel basiert. Ein kluger Schachzug, wenn man bedenkt, dass es vor allem die monumental umgesetzten Comic-Adaptionen sind, die in Hollywood produziert und gefördert werden. Und tatsächlich erinnert auch die erste Stunde des Werkes stilistisch und visuell weniger an Aronofskys Vorgängerwerke (bis auf einige eher verloren wirkende „HipHop“-Montagen, die er meisterhaft in Requiem For A Dream einsetzte) sondern an Blockbuster wie 300 oder The Avengers. Dass er sich hier recht frei an der nur wenige Paragraphen langen Vorlage bedient hat, neue Figuren und Konflikte einbaut, um seine Geschichte über „das Gute“ und „das Böse“ im Menschen in Gang zu bringen, war zu erwarten.

Doch was passiert, nachdem Noah (Russel Crowe) die Arche gebaut hat, und der große Sturm losbricht? Die Bibelstelle hält sich an dieser Stelle nämlich vornehm zurück. Ein gutes halbes Jahr dauert darin die Kreuzfahrt, die Noah und seine Familie in Isolationshaft verbringen müssen, bis endlich wieder Land in Sicht ist. Aronofsky nutzt genau diesen Zeitraum, um von der opulent-übergroßen Inszenierung zum (zwischen-)menschlichen Psychodrama zurückzufinden, das sich durch sein Gesamtwerk zieht, und das er durch diesen Stoff vollends auf die Spitze treiben kann, denn schließlich ist der Fortbestand der Menschheit vom Überleben der Kernfamilie abhängig.

Was genau beinhaltet Noahs Prüfung? Den Bau der Arche? Die Rettung der Tiere? Das Sicherstellen seiner Familie? Die eigentliche Prüfung, das arbeitet auch der Film schließlich heraus, beginnt erst nach der ganzen Vorarbeit: Noah wird zum Hardliner, zum Radikalen, der die Idee oder besser, seine Interpretation dieser Idee nicht nur über sein eigenes Interesse und das seiner Familie stellt sondern sie bis zur kompletten Selbstverleugnung treibt. Damit wendet er sich letztendlich gegen das, was den Kern seiner Mission ausmacht, und kann (Achtung, Bibel-Spoiler!) auf die erfolgreich-vollendete Mission nur mit (Achtung, kleiner Aronofsky-Spoiler!) Verbitterung begegnen. Er ist in seinen Augen auf allen Ebenen gescheitert. Das Reifezeugnis stellen Aronofsky und Handel am Ende den anderen Figuren ihrer Adaption aus, allen voran den sich emanzipierenden Frauenfiguren, Noahs Ehefrau Naameh (Jennifer Conelly) und Ila (Emma Watson), Frau von Noahs Sohn Shem (Douglas Booth). Auch dieser und seine Brüder (Logan Lerman und Leo McHugh) vollziehen im Laufe der Reise eine schmerzliche und widersprüchliche „Mann-Werdung“ – Noahs Arche ist bei Aronofsky also auch eine Metapher für die Pubertät. Noah als Coming-of-Age-Geschichte.

Womit wir wieder beim Abitur wären, und der Erkenntnis: Die Flut mag alles Vorangegangene weggespült haben, die Suche nach dem Sinn – und damit der individuellen Haltung – im damit entstandenen Vakuum, ist die eigentliche Prüfung. Binsenweisheit hin oder her, es ist die Prüfung unseres Lebens. Macht doch irgendwie Sinn, oder?

Noah ist ab dem 3. April 2014 in den Kinos zu sehen.

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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