Preise der 40. Duisburger Filmwoche


Im filmforum am Dellplatz wurden die Preise der 40. Duisburger Filmwoche vergeben: Im Rahmen der Preisverleihung wurden fünf Auszeichnungen im Gesamtwert von 23.000 Euro vergeben. Insgesamt wurden in der letzten Woche 27 Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeigt und diskutiert. Davon kamen 16 Filme aus Deutschland, neun aus Österreich und zwei aus der Schweiz. Sieben Uraufführungen und zwei Deutsche Erstaufführungen!

Die Preise und die Begründungen der Jurys im Einzelnen:

Der mit 6.000 Euro dotierte ARTE-Dokumentarfilmpreis, überreicht durch Peter Latzel, Geschäftsführer ARTE Deutschland, geht an

HAVARIE (Foto)
von Philip Scheffner | DE 2016 | Farbe | 93 Min.

Begründung der Jury:
93 Minuten, eine Einstellung, die unentwegt ein Boot mit Flüchtlingen im Mittelmeer fixiert. „Fixiert“ scheint das richtige Wort auch für die ästhetische Erfahrung, die HAVARIE seinen Betrachtern zumutet: Im Zerdehnen der Zeit, im Insistieren eines Blicks, in der Monotonie der Formen und Farben im Bild entschleunigt der Film den Bilderwahnsinn rund um die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Die mit diesem Blick verwandten Diskurse, Geschichten, Ereignisse und Trivialitäten durchkreuzen das Bild auf der Tonebene, verleihen dem Bild Tiefe und sprengen es zugleich über die Grenzen des Kaders hinaus auf. Wenn am Ende der einzige Fixpunkt im Bild – das Boot der Flüchtlinge – scheinbar spurlos verschwunden ist, bekommt man eine Idee davon, was es bedeutet, wenn etwas verlustig gegangen ist – auf dem Meer wie im Bild.

Synopse:
Der Blick durch die Videokamera hinab auf das mediterrane Blau nimmt einen undeutlichen schwarzen Fleck wahr: ein „Flüchtlingsboot“. Auf eineinhalb Stunden gestreckt, öffnet das dreieinhalb Minuten lange Video die Meeresoberfläche zum Projektionsraum. Der Ton wandert zwischen Seeleuten, Geflüchteten, Rettern und Touristen; im Bild stellt sich an einem Ort mit präzisen Koordinaten die Standortfrage.

12. November 2016, die Jury: Alejandro Bachmann, Pepe Danquart, Antje Ehmann
Der mit 6.000 Euro dotierte 3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm, überreicht durch Dinesh Kumari Chenchanna, Koordinatorin 3sat, geht an

BRÜDER DER NACHT
von Patric Chiha | AT 2016 | Farbe | 88 Min.

Begründung der Jury:
Wenn es dunkel wird in Wien: BRÜDER DER NACHT hat die Jury überzeugt, weil er es vollbringt, Schattengestalten ins Licht zu setzen, ohne sie völlig auszustellen. Es ist ein zutiefst künstliches, farbiges Licht, das den Protagonisten Raum gibt, sie selbst und zugleich viel mehr zu sein: Gestalten des Kinos, die sich einreihen in das Figurenuniversum aus den Filmen Rainer Werner Fassbinders oder Jean Genets. Die filmischen Mittel sind hier jene des Spielfilms, die reale Menschen, Orte, Ereignisse der Realität nicht nur sichtbar machen, sondern tatsächlich einen frischen, befreiten Blick ermöglichen. BRÜDER DER NACHT ist das Dokument einer Welt, die wir über das Fiktionale neu zu denken imstande sind. Er ist aber auch – da war sich die Jury einig – eine Liebeserklärung an seine Hauptfiguren, ein Film, der seinen Figuren erlegen ist und gerade daraus seine Kraft zieht.

Synopse:
Künstliches bläulich-rosa Licht fällt auf junge, mit Matrosenshirt und glänzenden Gürtelschnallen verzierte Männer. Not und Sehnsucht hat die bulgarischen Roma nach Wien gebracht, wo sie sich prostituieren und dem fragilen Rollenspiel des Nachtlebens hingeben. Sie arrangieren sich in einem zärtlichen, eitlen, manchmal aggressiven Zusammenhalt.

12. November 2016, die Jury: Matthias Dell, Irene Anna Genhart, Gunnar Landsgesell
Der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis der Stadt Duisburg, überreicht durch den Beigeordneten Thomas Krützberg, Leiter des Dezernats für Familie, Bildung und Kultur der Stadt Duisburg, geht an

MIRR
von Mehdi Sahebi | CH 2016 | Farbe | 91 Min.

Begründung der Jury:
Im Nordosten Kambodschas betreibt der Staat eine systematische Landenteignung. Den Kleinbauern, die zur ethnischen Minderheit der Bunong gehören, wird gewaltsam ein Feld nach dem anderen – und damit deren Lebensgrundlage – genommen. Aus traditionell bewirtschafteten Feldern werden riesige Kautschukplantagen. Der Film MIRR von Mehdi Sahebi zeichnet diese ungeheuerliche Tragödie nicht nach, sondern reflektiert deren Inszenierung mit seinen Protagonisten, um gemeinsam mit ihnen diese Geschichte zu erzählen. Die Dorfgemeinschaft ist durch den Hauptprotagonisten Binchey gut beraten. „Wir sind doch keine Schauspieler. Wie können wir das denn darstellen?“ „Ganz einfach: wenn ihr vor die Kamera tretet: aufrecht gehen und nicht stottern!“ Was MIRR zu einem so überzeugenden Film macht, ist, dass er die Sprechweisen der Bunong – in Form von Liedern, Mythen, Traditionen – in seine eigene Form einfließen, und damit deren Wirklichkeit die Wirklichkeit dokumentarischer Bilder mitgestalten lässt.

Synopse:
Bincheys Lebensgrundlage wird zur Monokultur: Der kambodschanische Kleinbauer hat sein letztes Feld an rücksichtslose Großgrundbesitzer verloren. Welche Rolle können er und die anderen arbeits- und landlosen Männer in dem zerfallenden Dorf jetzt noch spielen? Sich selbst! Die Dorfgemeinschaft inszeniert die Folgen der Landenteignung als Film.

12. November 2016, für die Jurys: Antje Ehmann, Gunnar Landsgesell
Der mit 5.000 Euro dotierte „Carte Blanche“ – Nachwuchspreis des Landes NRW, überreicht durch Werner Ružička, geht an

PARADIES! PARADIES!
von Kurdwin Ayub | AT 2016 | Farbe | 78 Min.

Begründung der Jury:
Ein Besuch im kurdischen Autonomiegebiet des Irak. Regisseurin Kurdwin Ayub begleitet Omar, ihren Vater, an den Ort, von dem die Familie vor längerer Zeit geflüchtet ist. Und bereits an diesem Punkt teilt sich der Blick. Für Omar scheint es eine Rückkehr, die er vor der Kamera mit zeitweiligem Übermut zelebriert, während die Regisseurin deutlich auf Distanz bleibt. Sie setzt den Vater so ins Bild, als wäre diese Reise ohne die Kamera und ohne die Tochter gar nicht zustande gekommen. Während der Vater Pläne hat, eine Wohnung kaufen möchte, sich in eine verträumte patriotische Stimmung bringt und ganz damit beschäftigt ist, sich dieses Kurdistan ideell wieder anzueignen, hält Kurdwin Ayub unbeirrt dagegen: mit ironischen Brechungen, bewusst naiven Setzungen und einer fröhlichen Körperlichkeit, die sie als ganz konkrete Widersprüche zur irakischen Realität in Stellung bringt. Kurdistan, das ist einmal ein Sehnsuchtsort, und einmal eine Bühne, auf der Ayub diesen Ort verhandelt. Die geradezu anarchische Lust, die PARADIES! PARADIES! zu eigen ist, dem Publikum einen zweiten Blick abzuverlangen, weil dem Geschehen auf dieser Bühne nicht zu trauen ist, ist mitverantwortlich für den Reichtum und die Komplexität dieses Films. Das Schöne an PARADIES! PARADIES! ist, wie spielerisch und klug hier Themen wie Genderfragen, Familienangelegenheiten, Fremdheit aufeinander treffen. Exil als filmischer Topos ist so vielleicht noch nicht behandelt worden.

Synopse:
Zweckoptimismus im Rohbau des Sehnsuchtsorts: Der Wiener Arzt Omar Ayub reist mit seiner filmenden Tochter in den kurdischen Nordirak, um Wohnungen für ein diffuses Später zu besichtigen. Ein vermeintlicher Heimatbesuch zwischen seinem despektierlichen Rambogetue an der Frontline zum IS und ihrem heiteren Zwecksarkasmus inmitten einer zerrissenen Familie.

12. November 2016, für die Jurys: Antje Ehmann, Gunnar Landsgesell

Der Preis soll Ansporn sein, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Das Potenzial, das der Siegerfilm zeigt, soll weiter ausgeschöpft werden. Der Preisträger wird dabei durch ein Mentorat unterstützt und soll beim nächsten Projekt von einem erfahrenen Filmemacher begleitet werden. Dafür konnte in diesem Jahr Pepe Danquart, Filmemacher und Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, gewonnen werden.
2017 wird auf der Duisburger Filmwoche die neu entstandene Arbeit – als Film oder als moderierte Präsentation des Status quo – gezeigt werden.
Der mit 1.000 Euro dotierte Publikumspreis der Rheinischen Post, überreicht durch Peter Klucken, geht an

HAPPY
von Carolin Genreith | DE 2016 | Farbe | 85 Min.

Synopse:
Eine junge Freundin in Thailand statt der gediegenen Langeweile des Ü60-Datings: Ein “schönes, altes Leben”, wie es zuhause für den geschiedenen Vater vorgesehen ist, ist Dieter zu eng. Seiner Tochter ist das peinlich. Kritisch und versonnen reisen die beiden gemeinsam an den Ort seines Glücks.

12. November 2016, die Jury: Margret Daniels, Annegret Deupmann, Lars Henriksson, Rosa Menges, Marianne Neumann, Petra Müller
Bereits am Donnerstag, 10. November 2016, erhielt im Rahmen von doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche 15 der britische Regisseur Christian Cerami für seinen Festivalbeitrag „Black Sheep“ (GB 2015, 16 Min.) den mit 5.000 Euro dotierten Filmpreis GROSSE KLAPPE in Duisburg. Mit dem Portrait eines Jugendlichen aus dem Umfeld der rechtsradikalen „English Defense League“ überzeugte der britische Regisseur Christian Cerami die Jugendjury und erhält dafür den von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb gestifteten Filmpreis für politischen Kinder- und Jugenddokumentarfilm.

Zehn Filme waren für die mit 5.000 Euro dotierte GROSSE KLAPPE – 2016 zum sechsten Mal vergeben – nominiert. Die Auszeichnung zielt auf eine Produktion, die sich in besonderem Maße mit ästhetischen und politischen Fragen beschäftigt. Ihr soll es gelingen, Kinder und Jugendliche für Dokumentarfilm zu interessieren und ihnen dabei auch vom Mainstream abweichende Formen des dokumentarischen Erzählens nahezubringen.

Mit einer lobenden Erwähnung hebt die Jury zudem den deutschen Festivalbeitrag „Ein Aus Weg“ (D 2016) von Simon Steinhorst und Hannah Lotte Stragholz hervor, der „mit animierten Zeichnungen auf besondere Art dokumentarisch erzählt“ und „über verschiedene filmische Ebenen eine Kritik an der mangelnden Hilfe für Menschen mit Problemen, wie z.B. Drogenabhängigkeit, formuliert“.

Zudem wurde in diesem Jahr im Rahmen von doxs! erstmals der ECFA Documentary Award vergeben. Gewinner ist „Dans for livet / Tanz für das Leben“ des norwegischen Regisseurs Erlend E. Mo. Der Film erzählt die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens, das sich in einem traditionellen Männertanz behauptet und zugleich mit dem bevorstehenden Tod ihres kranken Großvaters konfrontiert wird. Der neue Filmpreis wurde vom europäischen Verband für Kinder- und Jugendfilm (ECFA) auf dem 15. doxs!-Festival ins Leben gerufen und würdigt den besten europäischen Kinderdokumentarfilm.

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