R. W. FASSBINDER. DIE FILME 1966 – 1982


Filmbuch des Monats Juni 2016:
Juliane Lorenz/Lothar Schirmer (Hg.):
Am 31. Mai des vergangenen Jahres wäre Rainer Werner Fassbinder siebzig Jahre alt geworden. Eigentlich sollte damals der umfängliche Band mit Bildern aus seinen Filmen erscheinen. Aber große Projekte brauchen ihre Zeit. Jetzt ist das Buch, herausgegeben von Juliane Lorenz und Lothar Schirmer, im Verlag Schirmer/Mosel publiziert worden. Und das Warten hat sich gelohnt: 1.368 Filmstills aus allen 44 Kino- und Fernsehfilmen summieren sich zu einem opulenten Band, der uns noch einmal den Kosmos des Fassbinderschen Werkes vor Augen führt.

Als er am 10. Juni 1982 in München starb, war er gerade 37 Jahre alt. Fassbinders Produktivität und Kreativität ab Mitte der 60er Jahre erscheint uns heute unfassbar, denn neben den Filmen fürs Kino und fürs Fernsehen hat er auch immer wieder fürs Theater gearbeitet, meist inszenierte er dort eigene Stücke. Und er spielte auch in den Filmen von Kollegen mit: u.a. in Volker Schlöndorffs BAAL, Reinhard Hauffs MATTHIAS KNEISSL, Daniel Schmids SCHATTEN DER ENGEL, Wolf Gremms KAMIKAZE 1989. Aber sein Hauptwerk sind natürlich die 44 Filme, die in diesem Buch in Bildern dokumentiert sind.

RWF Cover

Auf der Textebene gibt es drei Einleitungen – von Lothar Schirmer, Juliane Lorenz und Laurence Kardish – und am Ende des Bandes elf Texte von Rainer Werner Fassbinder: drei Lebensläufe (aus den Jahren 1961 und 1967), eine Würdigung des Godard-Films VIVRE SA VIE (aus der Aufnahmeprüfung an der dffb), einen Brief an einen Produzenten und eine kurze Antwort auf die Frage „Wie stelle ich mir meine zukünftige Berufstätigkeit vor?“ (ebenfalls aus der Aufnahmeprüfung), einen Beitrag zum Programmheft der Theateraufführung „Blut am Hals der Katze“ (1971), einige „ungeordnete Gedanken zu Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1980), einen Essay über Hanna Schygulla (1981), ein Statement zur Frage „Hat das Kino noch eine Zukunft?“ (1982) und Notizen zum Spielfilmprojekt „Rosa Luxemburg“ (Juni 1982).

Das neue Buch ist in seinem Bilderreichtum natürlich auch eine Hommage an die drei Kameraleute, mit denen Fassbinder vorwiegend zusammengearbeitet hat, an Dietrich Lohmann (erste Phase), Michael Ballhaus (zweite Phase) und Xaver Schwarzenberger (letzte Phase). Bei zwei Filmen hat Fassbinder selbst die Kamera geführt (IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN und DIE DRITTE GENERATION).

Und die vielen Bilder rufen noch einmal in Erinnerung, mit welch großer Zahl an Schauspielerinnen und Schauspielern Fassbinder gearbeitet hat. Mit einigen besonders oft: Harry Baer, Hark Bohm, Margit Carstensen, Ingrid Caven, Irm Hermann, Günther Kaufmann, Ulli Lommel, Kurt Raab, Hanna Schygulla, Volker Spengler. Er hat auch Stars der 50er Jahre auf die Leinwand zurückgebracht, zum Beispiel Karlheinz Böhm, Eddie Constantine, Ivan Desny, Annemarie Düringer, Claus Holm, Adrian Hoven, Rudolf Lenz, Klaus Löwitsch, Brigitte Mira, Barbara Valentin. Ein sehr hilfreiches Register am Ende des Bandes ordnet die Schauspieler/innen den Filmen zu.

Das große Bilderbuch der Fassbinder-Filme war längst überfällig. Wie schön, dass es nun, verantwortet von Juliane Lorenz und Lothar Schirmer, in dieser Qualität erschienen ist. Die zeitliche und finanzielle Investition hat sich gelohnt.

Fritz Göttler schreibt in seiner Rezension in der Süddeutschen Zeitung: „Das Hektische, das Ruhelose, das unaufhörliche ‚à bout de souffle’, manchmal auch die Kraftmeierei, womit man Fassbinders Leben und Arbeiten immerfort zusammenbringt, ist aus diesem neuen Band völlig verschwunden. Es ist ein Buch von großer Klarheit und einem ruhigen Rhythmus das das Werk in dichte Serien von Fotogrammen verwandelt, genommen aus jedem einzelnen Film. Wir wollten, schreibt der Herausgeber Lothar Schirmer, ‚das Filmbild als ’Gerücht’, weil es außerhalb der Filmkopie nur in der Erinnerung des Betrachters existiert, in ein gedrucktes, zitierfähiges Faktum, in ein Druckbild überführen.’ Geduldig und vielschichtig sind diese Bilder gebaut, mit liebevoller Präzision, mit Achtung vor den Menschen, von denen sie erzählen, und den Akteuren, die sie verkörpern – die barocke PETRA VON KANT, das intime FAUSTRECHT DER FREIHEIT, die wahnhafte MARTHA, der fiebrige ALEXANDERPLATZ.“ (SZ, 27.5.2016)

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Hans Helmut Prinzler

Filmhistoriker und Publizist
Filmliteratur hat mich durch fast mein ganzes Leben begleitet. Jahrelang habe ich in der Zeitschrift “FilmGeschichte” Neuerscheinungen kommentiert und auf der Website der Deutschen Kinemathek mein “Filmbuch des Monats” vorgestellt. Dies und ein Blick zurück in die Filmgeschichte findet inzwischen auf einer eigenen Seite statt: mit der Präsentation meiner Filmbücher des Monats, mit aktuellen Tageshinweisen, mit der Dokumentation von Texten und Reden. Für alle, die am Film, an seiner Geschichte, an seiner Gegenwart und an seiner reflektierenden Analyse interessiert sind.

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