Regisseur Edgar Reitz: „Die Krisen des Kinos verschärfen sich“

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Seit drei Jahrzehnten hat der Filmemacher Edgar Reitz das Universum seiner Heimat-Reihe für das Fernsehen entwickelt. 2013 hat er Die andere Heimat als Spielfilm in die Kinos gebracht, und wurde am 9. Mai dafür als „Bester Film“ mit der goldenen Lola ausgezeichnet. Ein Gespräch mit dem 81jährigen über die Zukunft des Kinos, „Zeit“-Geschichte und seine Zukunftspläne.

Interview: Jens Mayer

Herr Reitz, herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Filmpreis. Was bedeutet der ihnen?

Jeder Künstler freut sich über Anerkennung. In diesem Fall bin ich auch der Meinung, dass der Film es verdient hat. Ich kenne das, was sonst gemacht wird sehr gut, und hätte es nicht richtig gefunden, wenn der Weg, den wir hier gegangen sind nicht anerkannt worden wäre. Das sage ich jetzt einmal ganz selbstbewusst, weil dieser Preis ja in einer Situation gekommen ist, die wir alle gut überblicken, und wo ich auch sehr gut wusste, wie die allgemeine Situation im deutschen Film ist.

Nachdem die vorangegangenen Filme für das Fernsehen produziert wurden, haben sie sich nun entschieden die Vorgeschichte in einer vierstündige Schwarz-Weiß-Produktion im Kino zu erzählen, die ebenfalls im fiktiven, Örtchen Schabbach im Hunsrück spielt, und das auch noch im deutschen „Vormärz“ einer dunklen und unübersichtlichen Zeit. Wie schwierig war es, ein solches Projekt zu finanzieren?

Gar nicht so schwierig wie ich erwartet hätte. Ich habe diese Faktoren auch von Anfang an aufgezählt, von denen im Vorfeld gesagt werden würde, dass sie nicht gingen, aber das Entscheidende war, dass die Geschichte die Herzen rührt. Wir haben die Türen mit dem Drehbuch aufgekriegt. Es hat, im Vergleich mit anderen Produktionen, nicht sehr lange gedauert, bis wir das Geld zusammen hatten. Meist ackert man da jahrelang, bei manchen Produktionen hat der Geist längst die Geschichte verlassen, wenn sie das Geld zusammen haben.

Das ist bei uns glücklicherweise nicht der Fall gewesen, wir haben innerhalb eines Jahres die Finanzierung zusammengebracht, wobei allerdings eine sehr große Rolle spielte, dass es eine deutsch-französische Koproduktion wurde. Wir haben sehr früh eine französische Produktionsfirma gefunden, die den Film mitproduzieren wollte. Les Films du Losange mit der wunderbaren Produzentin Margaret Ménégoz, die das Drehbuch übers Wochenende gelesen hat und mir montags eine E-Mail schrieb, in der sie sagte, dass dies eines der schönsten Projekte sei, das ihr in ihrem Leben begegnet ist, und sie alles tun wolle, um es zu ermöglichen. Bei den Förderern in Deutschland hat es eine enorm wichtige Rolle gespielt, dass eine französische Produktion bereits mit eingestiegen war. Das hat uns sehr vorangebracht.

Sie haben die schwierige und vieldiskutierte Situation des deutschen Films angesprochen. Zeigen sie mit der außergewöhnlichen Herangehensweise von Die andere Heimat einen möglichen Weg hinaus?

Das ist ein sehr großes Thema, auf das man nicht nur mit einer Antwort kommen kann. Ich denke, dass dieser Film von vornherein eine Ausnahme ist, und er lebt auch davon, eine Ausnahme zu sein. Deswegen spielte da auch die Länge keine Rolle. Für die Menschen, die den Film sehen wollten, waren die vier Stunden Spielzeit kein Hindernis. Ebensowenig die anderen Merkmale, wie Schwarzweiß oder Dialekt.

Aber wenn es darum geht, eine Zukunft zu entwickeln: Es ist wahr, die Krisen des Kinos verschärfen sich. Man spricht seit dreißig Jahren davon, aber so brisant wie jetzt, war es eigentlich noch nie. Ich glaube, dass sich das Kino, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, neu erfinden muss.Die Ursachen dafür sind klar: Wir haben neue Technologien, wir haben neue Kommunikations- und Verbreitungsformen durch die neuen audiovisuellen Medien, die alle gegenwärtig sind, es ist nicht mehr so, dass man große Wege auf sich nehmen muss, um einen bestimmten Film zu sehen oder ein Kino aufsuchen, bei dem man beispielsweise keinen Parkplatz findet. Von der Verbreitungstechnik ist diese einstige Basis des Kinos weg, es ist längst nicht mehr der einzige und beste Aufführungsort für Filme.

Auf der anderen Seite bietet das Kino aber etwas, das bisher durch kein anderes Medium ersetzt werden konnte, und das ist die gesellschaftliche oder soziale Komponente. In einem geschützten Raum mit fremden anderen Menschen ein großes Erlebnis mit einem Film zu haben, das ist durch nichts anderes ersetzbar, aber dafür müssen neue Konzepte entwickelt werden. Ich denke, dass die Führung eines Kinos heute eine viel weiter gespannte Aufgabe ist. Ein Kinobetreiber muss heute eine Art Intendant sein, einer der wirklich das kulturelle Leben einer Stadt mitprägen will, und sich aus dieser Vorstellungswelt heraus daran macht, ein Kino zu betreiben. Wobei es nicht nur um das Programm geht, sondern auch um die Begegnungsmöglichkeiten, um die Diskussionen, die Gespräche, die lebendige Begegnung der Besucher untereinander – all das muss neu erfunden werden. Und wenn all das nicht stattfindet, wird es das Kino bald nicht mehr geben.

Eindeutiger denn je erzählt Die andere Heimat die deutsche Historie auch als Migrations-Geschichte – was gerade hinsichtlich allgegenwärtiger Europa- und Zuwanderungs-Diskussionen als klares Statement zum Heimat-Begriff zu verstehen ist. Wie wichtig ist ihnen auch die Spiegelung der Gegenwart in ihrem Werk?

Im Grunde ist ein historischer Film immer ein Film über die Gegenwart im Gewande einer anderen Epoche. Wir können, auch mit den raffiniertesten filmtechnischen Möglichkeiten und Ausstattung, nicht in der Zeit zurückgehen. Wir erzählen nur eine Geschichte aus einer anderen Zeit, weil sie uns für die Gegenwart und unser heutiges Leben bedeutend erscheint. Sei es, dass wir dabei herausbekommen, warum wir so ticken wie wir ticken, warum wir eine ganz bestimmte Art der Sicht auf die Dinge haben. Jeder von uns trägt so viele unbewusste Impulse aus der Vergangenheit in sich, die er gar nicht ahnt. In dem man solche Geschichten erzählt, hebt man solche Dinge ins Bewusstsein, und man entwickelt eine neue Perspektive auf ein gegenwärtiges Leben. Das ist schon immer mein Ansatz gewesen. Es geht mir nicht darum, nostalgisch irgendwo in die Vergangenheit zu entfleuchen, sondern darum aus einem gut erzählten Bild der Geschichte zu begreifen, wer ich heute bin.

Sie sprechen im Bezug auf Die andere Heimat von der Erfahrung eines anderen Rhythmus’, der sich nicht nur in der Machart widerspiegelt, sondern auch eine mögliche Verbindung zwischen uns und unseren Vorfahren ermöglicht.

Nehmen sie zum Beispiel unser Verhältnis zur Zeit: Wir sind von unserer Sozialisation über die Jahrhunderte in einem anderen Verhältnis zu den Lebensrhythmen entstanden. Die Jahreszeiten, die Tag- und Nacht-Rhythmen, die verschiedenen Lebensalter. Zu diesen großen rhythmischen Vorgängen des Lebens sind unsere Sinne, unsere körperlichen Reflexe, unsere Psyche in dieser jahrhundertealten Geschichte ausgebildet und entstanden. Wenn das im Arbeits- und Alltagsleben von heute nicht mehr vorkommt, entsteht ein Gefühl des Unglücks und des Verloren-seins. Das ist etwas, das sehr verbreitet ist, in der heutigen Welt und in den Herzen der Menschen. Deswegen ist es ein besonderes Geschenk, wenn man durch den Erzählrhythmus eines Films diese Beziehung zu den eigenen inneren Rhythmen wieder findet. Das ist mehr als die berühmte Entschleunigung, von der immer wieder gesprochen wird, es handelt sich wirklich um eine Wiederentdeckung des eigenen inneren Rhythmus’, der durch eine gut erzählte Geschichte dieser Art Zustande kommt.

Planen sie derzeit, das Heimat-Projekt noch weiter fortzuführen?

Ich habe vor über dreißig Jahren, eigentlich im Scherz, beschlossen, alle meine Filme „Heimat“ zu nennen. Das ist natürlich ein Trick, denn wenn sie genau hinschauen, handelt jede Geschichte von etwas ganz Verschiedenem, von allen Themen, die einen anrühren können, und so wird es auch jetzt sein.

Ich glaube, meinen Fans zuliebe, und denjenigen, die das finanzieren sollen, würde es mir nichts ausmachen, wenn ich wieder das Wort „Heimat“ im Titel führen würde, was aber nicht heißen muss, dass es wieder in Schabbach und der Familie Simon spielt. Das muss nicht immerzu sein.

Ich habe keinen Grund aufzuhören.

Vielen dank für das Gespräch.

Die andere Heimat von Edgar Reitz ist am 10. Juli auch als Kauf-DVD erschienen.

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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