Tiger Girl



Wer sich auf die Absicht des bewusst ‚amoralischen’ Erzählgestus dieses Films einlässt, für den wirken viele Voraussetzungen überzeugend. Der Wertekonflikt zwischen der zunächst noch überangepassten VANILLA (Maria-Victoria Dragus) und der ungestümen TIGER (Ella Rumpf) könnte kaum größer sein. Und damit sind schon mal wichtige Grundbedingungen für erfolgreiches Erzählen erfüllt: die Gegensätzlichkeit der Haltungen, sowie die Intensität der Beziehung.

Für Vanilla, der es an Treue zu sich selbst und Durchsetzungskraft mangelt, geht von Tiger ein großer Zauber aus. Wir Zuschauer können das – egal wie wir zum Thema ‚Moral’ stehen – zunächst gut nachvollziehen. Vanilla ist klar benachteiligt, indem sie in ihrer Community kaum Wertschätzung erfährt. Dass sie bei der starken und selbstbewussten neuen Freundin aufblüht, ist nachvollziehbar.

Da sich der Film strikt auf die Schilderung von Vanillas Wandlung konzentriert, wird hier im Grunde mustergültig die Beschränkung aufs Wesentliche zelebriert: es geht nur um Vanillas Befreiung. Andere Themen bleiben außen vor. Dazu kommt, dass auch die filmische Umsetzung mit eben jener Ruppigkeit zu Werke geht, die hier gefeiert wird, sich also eine Übereinstimmung von Erzählabsicht und visuellem Stil einstellt. Grundsätzlich spricht daher alles für ein attraktives Drama, das am Markt theoretisch z.B. ähnlich weit kommen könnte wie der kürzlich vielgesehene „Victoria“ von Sebastian Schipper.

Doch das wird vermutlich nicht der Fall sein. „Tiger Girl“ ist ein Film, der zwar vielleicht das Zeug dazu hat, branchenintern beachtet zu werden (immerhin wird eine sehr eigenwillige Filmsprache etabliert, was per se schon für Aufsehen sorgt); aber die Chancen auf die Reaktion eines größeren Publikums sind eher gering. Warum?

Tiger Girl-PlSchon bei der Beschreibung der sozialen Hintergründe stoßen wir auf ein Ungleichgewicht. Von Vanilla sehen wir zwar immer wieder Szenen aus der Ausbildung zur Mitarbeiterin einer Security-Firma, aber nichts über ihre Hintergründe. Wo sie herkommt, erfahren wir nie. Tiger hingegen wird vernetzt erzählt; wir lernen ihre beiden Liebhaber kennen, sind bei ihr in ihrem Wohnmobil und erfahren einiges in ihre Verstrickung in Drogen-Milieus. Insofern sind die Voraussetzungen für Einfühlung bei Tiger viel günstiger, während sich Vanilla, die zusehends in einen egoistischen Rausch verfällt, versperrt.

Endgültig problematisch wird die Beschreibung von Vanillas Selbstbefreiung, als Tiger begreift, dass die Freundin weit übers Ziel hinausschießt und sich kaum noch um sie kümmert. Sobald Tiger feststellen muss, dass Vanilla den Verrat der Freundin auf mehreren Ebenen in Kauf nimmt (die illegale Wohnung von Tigers Freunden fliegt auf; das Wohnmobil wird von der Polizei durchsucht), kippt das Geschehen. Jetzt erkennen wir bei Tiger ein eigenständiges Wertesystem: sie versucht, sich zu wehren. Tiger enthüllt Stück für Stück eine eigene Ethik. Wir kommen ihrem Innenleben näher. Aber Vanilla?!

Sie reagiert gar nicht mehr auf andere. Warum? Auf diese Frage geht der Film nicht ein. Spätestens an diesem Punkt darf man davon ausgehen, dass viel Zuschauer den Kontakt verlieren. Denn Tiger hat zwar nun ein echtes Dilemma: von den beiden männlichen Geliebten fühlt sie sich verraten; und die Freundin, der sie überhaupt erst den Weg zur eigenen Selbstbestimmung gezeigt hat, erweist sich als ebenso illoyal. Der Film ist eigentlich zu Tigers Drama geworden. Theoretisch.

Aber praktisch interessiert sich die Dramaturgie gegen Ende kaum noch für diese Beziehung; hingegen wird Vanillas permanenter Rundumschlag nachvollzogen, ohne dass der Zuschauer deren innere Motivation nachvollziehen kann. Die Anmaßung, in der Vanilla gegen Ende versinkt, wird durch die Konfrontation mit Tiger nicht mehr in Frage gestellt. Das Personal Drama wird eigentlich sorgfältig vorbereitet – fällt aber dann unter den Tisch.

Daher wirkt die Dramaturgie des Films irgendwann beliebig – genau wie die handlungswichtige Figur des Polizisten THEO (Enno Trebs) einfach vergessen wird oder mit MALTE (Franz Rogowski) eine neue Figur auftaucht, deren Motivation sich genauso wenig erklären lässt wie die Vanillas.

Aus all diesen Elementen entsteht ein Bild, das den emotionalen Kontakt mit den Figuren stark erschwert. Insofern hat „Tiger Girl“ trotz einiger sehr wirkungsvoller Anlagen letztlich kaum die Möglichkeit, am Markt größere Spuren zu hinterlassen. Trotz der Beachtung innerhalb der Branche und der Presse wird „Tiger Girl“ wohl kaum auf große Resonanz stoßen.

The following two tabs change content below.
Roland Zag arbeitet in München als Drehbuchberater und Dramaturg. Seine bisherige Arbeit umfasst die dramaturgische Analyse von über 100 Filmen im deutschsprachigen Raum. Zugleich veröffentlicht er laufend aktuelle Marktprognosen unter blog.the-human-factor.de. Er war Berater erfolgreicher Kinofilme wie »Wüstenblume«, »Goethe!« oder »Die Fremde«.

Neueste Artikel von Roland Zag (alle ansehen)

Ihre Meinung