Tore tanzt – Nothing Bad Can Happen

Was wäre wohl passiert, wenn die Mail aus Cannes ausgeblieben wäre?

Zum Bundesstart von Tore tanzt sitzen Regisseurin Katrin Gebbe und Produzentin Verena Gräfe-Höft in der Bar des Kreuzberger Sputnik-Kinos und plaudern augenscheinlich ziemlich entspannt über die Entstehungsgeschichte ihres gemeinsamen Debütfilms. Sie haben allen Grund, gut gelaunt zu sein: Ob Spiegel, Welt oder Die Zeit – der Film wird für eine deutsche Debütproduktion in dieser Woche medial ausgesprochen gut abgedeckt, man kann zahlreiche Interviews mit der jungen Filmemacherin sehen, hören und lesen, die sicher einen der außergewöhnlichsten deutschen Filme des Jahres gemacht hat.

Einer, der heraussticht, der bewusst anders sein will – unbequem – und die Zuschauer herausfordert sich ihm zu stellen. Thematisch und ästhetisch fallen mir zuallerst dänische Produktionen ein, die ich zum Vergleich heranziehen würde, an anderen Stellen wird Großbritannien oder Österreich erwähnt. Sicher nicht vergessen darf man die Filme von Matthias Glasner (Der freie Wille, Gnade), der nicht umsonst als dramaturgischer Berater genannt wird und der, so berichtet Gebbe, „den Filme gerne selbst gemacht hätte.“ Gräfe-Höft nennt es der Einfachheit halber „Weltkino“ und ist nach den Erfolgserlebnissen des letzten halben Jahres zuversichtlich, was die Zukunft angeht.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Was wäre wohl passiert, wenn sich Cannes nicht gemeldet hätte? Die Berlinale hatte den Beitrag nämlich abgelehnt, wie die beiden Frauen berichten und kämpferisch hätten sie sich gesagt, dass sie ihr Werk lediglich bei A-Festivals einreichen wollen. „Wenn es nicht klappt, dann halt nicht“, sei ihr Motto gewesen, das sich nach all der Beachtung im Nachhinein sicher leichter und selbstbewusster formulieren lässt. Denn dass Tore tanzt der einzige Beitrag im diesjährigen Cannes-Programm war (in dem deutsche Produktionen ohnehin nicht unbedingt selbstverständlich zu sehen sind), hat ihm natürlich die nötige Aufmerksamkeit verschafft und sicher auch die entsprechend breite (und absolut berechtigte) Auseinandersetzung mit Sujet und Produktion zum Kinostart.

Vielleicht wäre Tore tanzt einer von den zahllosen Debütfilmen geworden, den niemand gesehen hätte, weil er bestenfalls mit ein paar Kopien für eine Woche in den entsprechenden Programmkinos gelaufen wäre und 2015 dann montags nach Mitternacht im ZDF. Die Vorraussetzungen für ein ähnlich ambitioniertes Nachfolgeprojekt wären dadurch jedenfalls rapide gesunken. So ist er aber ein Ansporn für junge deutsche Filmemacher, über die scheinbar gesetzten Grenzen hinauszugehen, mit einer klaren ästhetischen Vision etwas Eigenes zu erschaffen und den Mut zu haben auch das künstlerische Scheitern zu riskieren. Die positiven Reaktionen zeigen nun, dass diese Haltung anerkannt wird – trotzdem irgendwie schade, dass dafür eine Mail aus Cannes nötig war.

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Jens Mayer

Jens Mayer ist Journalist für Film-/Fernsehthemen und Autor.

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