White House Down


Die Entwicklung des Action-Kinos geht in zwei Richtungen: zum einen wird die Tendenz zu starken Charakteren und deren Wertekonflikten vorangetrieben (siehe die jüngeren Filme von J.J. Abrams oder Christopher Nolan), ohne dabei auf immense Action-Effekte zu verzichten. Zum anderåen entstehen immer mehr Kombinationen mit dem Science-Fiction-Kino (zuletzt „Elysium“), dem Zombiefilm („R.I.P.D. 3D“ oder „World War Z“) und Monstern („Pacific Rim“), die mehr plot- als character-driven funktionieren. Der klassische, körperbetonte Actionfilm im Stil der „Die Hard“-Filme verliert dagegen zunehmend an Zuspruch.

Der neue Film von Roland Emmerich begibt sich dennoch wagemutig in dieses scheinbar “altmodische” mittlere Fahrwasser. Den überdimensionalen Zerstörungen der Megaactionfilme (die oft keine wirklichen Blockbuster mehr sind) setzt er gezielte Schläge gegen die politischen Schaltzentralen der USA entgegen.

Es kommt Emmerich offensichtlich nicht auf die Größe und auf die Plausibilität an, sondern auf die konzentrierte Wirkung der die für ihn wichtigen Filmfiguren. Er geht dabei so konsequent vor, dass es schon unfreiwillig komisch wirkt, wenn noch kurz zuvor die gesamte arabische Welt mit Nuklearraketen zerstört werden sollte – doch am Ende eine sehr privat wirkende Auflösung unter den Augen unzähliger Beobachter stattfindet.

Es leuchtet ein, dass es mehr bedarf als actionreiche und gewalttätige Kampfszenen sowie Materialschlachten, um 130 Minuten Filmzeit zu füllen. Das gilt insbesondere, als die „Die Hard“-Dramaturgie inzwischen als bekannt vorausgesetzt werden kann und alleine keine ausreichende Spannung mehr erzeugt. Die Frage, ob die Tochter EMILY (Joey King) des Leibwächters JOHN CALE (Channing Tatum) überlebt und auch der US-Präsident JAMES SAWYER (Jamie Foxx) gerettet werden kann, ist im Grunde schon trotz aller lebensgefährlichen Momente von Anfang an absehbar beantwortet.

Es ist vielmehr notwendig, einerseits den Plan der antagonistischen Kräfte möglichst klar und wirkungsvoll zu gestalten – andererseits diese Pläne unvorhersehbar zu entschlüsseln und zu vereiteln. Das ist die Ebene, die für umso mehr rationale Spannung sorgt, je wendungsreicher sie gestaltet ist.

White House Down - SzenenbildIm Fall von „White House Down“ verteilt sich die antagonistische Kraft auf sehr viele Schultern mit zahlreichen Motiven, die von Rache für einen im Antiterrorkampf getöteten Sohn über rechtsextreme Gesinnungen und von der NSA angestachelte Hackerambitionen bis zu Geld reichen. Ziehen die Bösen hier wirklich an einem Strang? So richtig klar wird das nicht. Am Ende läuft es dann doch auf ein Komplott des militärisch-industriellen Netzwerks hinaus, dem die Nahost-Friedenspolitik des Präsidenten nicht passte. Allerdings wird das nur am Rande erzählt, da der Sprecher des Repräsentantenhauses RAPHELSON (Richard Jenkins) zugunsten einer späten Wendung lange sehr passiv bleibt.

Auf der zwischenmenschlichen Ebene handelt der Film im Kern von einem doppelten schweren Verrat. Zum einen hat Cale bisher als Personenschützer für Raphelson gearbeitet – daher muss er sich nun getäuscht fühlen. Viel schwerer wiegt aber die Illoyalität des Leiters des Secret Service WALKER (James Woods). Er war bisher für die Sicherheit des Präsidenten verantwortlich, hat wegen Krebs nichts mehr zu verlieren und will seinen durch einen Befehl von Sawyer ums Leben gekommenen Sohn rächen. Jetzt bedroht er nicht nur das Leben von Emily, sondern auch von zahllosen Menschen in der arabischen Welt. Das ist hoch wirksam für die äußere Spannung, aber von einem zentralen emotionalen Grundkonflikt zu sprechen, fällt schwer. Dafür haben zu viele tragende Figuren zu unterschiedliche Agenden.

White House Down - SzenenbildDennoch wird man bei allen Einschränkungen die Beziehungsebene intensiv und effektiv bespielt. Denn Cale und Sawyer wachsen zunehmend zusammen und kommen sich vor allem über das Thema ‘Opferbringen in der Not’ näher. Wenn der Präsident sich für Emily in die Hände der Terroristen begibt und Cale sich mehrmals als mustergültiger Personenschützer erweist, aber auch wenn Emily selbst zum Schluss die brachiale militärische Katastrophe verhindern kann, handelt es sich um extrem starkes Geben und Nehmen. Es erstaunt zwar, warum dem Präsident Cales Familie wichtiger zu werden scheint als seine eigene (die kaum eine Rolle spielt); doch trotz aller Formelhaftigkeit werden die wesentlichen emotionalen Auslöser neben der nur im Mittelteil nachlassenden Spannung wirkungsvoll gesetzt. Die geringen Besucherzahlen des ähnlich gelagerten Weissen-Haus-Actionfilms „Olympus Has Fallen“ vor wenigen Wochen sollten auch aufgrund des selbstironischen Tons daher problemlos vervielfacht werden.

[divider]

Der Publikumsvertrag: Drehbuch, Emotion und der “human factor” (Praxis Film) (Taschenbuch)


List Price: Leider gibt es derzeit keine Preisangaben.
New From: 0 Out of Stock
Used from: EUR 12,46 In Stock

The following two tabs change content below.

Norbert Maass

Norbert Maass studierte Politische Wissenschaft und Geschichte in Erlangen sowie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München. Daneben war er als Rundfunkjournalist tätig und arbeitete verantwortlich bei zahlreichen, auch internationalen Filmproduktionen mit. Seit 1998 ist er – bei Firmen wie Bavaria, Senator, Amberlon oder BoomtownMedia – im internationalen Filmrechtehandel aktiv. Seit 2004 berät er zudem zahlreiche Filmfirmen und Filmemacher in Bezug auf Projekteinschätzungen, Vermarktungspotential und Dramaturgie

Neueste Artikel von Norbert Maass (alle ansehen)

Ihre Meinung